Ein Ex-Agent aus Nordkorea erzählt

"Ich war wie James Bond"

Bernhard Bartsch, veröffentlicht am 27.05.2009
Foto: Bartsch

Seoul - In Nordkorea hat Gwon Hyeok zur Machtelite gehört. Er hat Straflager beaufsichtigt und ist als Agent nach China und Japan eingeschleust worden, wo er Deserteure eliminierte. Eines Tages ist er übergelaufen - heute erzählt Hyeok, wie Kim Jong Ils Regime funktioniert.

Militärparade in Nordkorea
Foto: dpa/Archiv
Das Treffen mit dem ehemaligen Spion hat der südkoreanische Menschenrechtsaktivist Kim Sang-hun vermittelt, der bereits die Aussagen von 400 Deserteuren über die Verbrechen des Regimes in Nordkorea gesammelt hat. Nun sitzt Gwon Hyeok also in einem Restaurant in Seoul beim Gespräch und lässt seinen Blick auf ein Paar wohlgeformter Beine schweifen, das gerade auf hohen Absätzen das Lokal verlässt: "Mit Frauen hat man nichts als Ärger", murmelt Gwon Hyeok. Er hat schon einiges getrunken, aber auch ohne Alkohol landet Gwon rasch bei seinem Lieblingsthema: Frauen. Früher hat er jede haben können, ob sie wollte oder nicht. "Meistens wollten sie", grinst Gwon. Doch eines Tages landete er bei der falschen, und deswegen lebt er nun in Seoul, obwohl er lieber in seiner Heimat Nordkorea wäre.

Gwon ist Ende Vierzig, ein schmaler, kräftiger Mann, der in der Öffentlichkeit stets einen Hut mit breiter Krempe und eine große Brille trägt. "Es gibt in Seoul eine Reihe von nordkoreanischen Geheimagenten, die Deserteure wie mich liquidieren sollen", erklärt Gwon seine Verkleidung. "Ich stehe mit Sicherheit auf jeder ihrer Listen." Er kennt ihre Methoden, denn er war einer von ihnen, bevor er vor zehn Jahren in den Süden floh.

Der Großvater war ein Kampfgenosse von Kim Il Sung

Gwons Lebensgeschichte vermittelt eine Ahnung davon, mit welchen Methoden sich das Regime in Pjöngjang seit Jahrzehnten an der Macht hält. Denn wenn seine Berichte wahr sind - was sich nicht im Detail überprüfen lässt, von Experten aber für möglich gehalten wird, da sie in weiten Teilen belegt ist - dann gehört Gwon zu einer der privilegiertesten Familien in Nordkorea. "Mein Großvater war ein Kampfgenosse von Kim Il Sung und später in Pjöngjang sein Nachbar", sagt Gwon. "Sie haben morgens zusammen Frühsport gemacht, und wenn ich als Kind zu Besuch war, hat der Große Führer mit mir Späße gemacht." Auch den heutigen Herrscher Kim Jong Il habe er schon in der Jugend mehrfach getroffen, bevor er selbst ein Teil des Apparates wurde, mit dem die führenden Clans das 24-Millionen-Volk daran hindern, gegen ihre Unterdrücker aufzubegehren.

"Meine Laufbahn begann mit einem Dumme-Jungen-Streich", erzählt Gwon. Er war dreizehn, als er eines Tages die Schule schwänzte, um mit seinen Freunden ins Kino zu gehen. Schon damals glaubte er, sich nach Belieben über Regeln hinwegsetzen zu können. Schließlich bekleidete sein Vater in seiner Heimatstadt Kimchaek das mächtige Amt des Propagandachefs. Doch die Kinoangestellten ließen sich nicht von einem Schüler herumkommandieren. "Sie haben mir zwei Ohrfeigen gegeben und mich zurück in die Schule geschickt", erinnert sich Gwon. "Um mich zu rächen, habe ich mehrere Strohballen durch das Klofenster des Kinos gesteckt und angezündet." Zwar konnte der Brand schnell gelöscht werden und die materielle Zerstörung hielt sich in Grenzen.

Der immaterielle Schaden war dafür umso größer. "Das Feuer hatte im Foyer einige Bilder von Kim Il Sung angekokelt", sagt Gwon. "Darauf stand die Todesstrafe." Selbst für den Sohn einer Elitefamilie konnte über das Vergehen nicht hinweggesehen werden, denn es durfte kein Präzedenzfall entstehen, in dem die Respektlosigkeit gegenüber dem gottgleichen Großen Führer ungesühnt bleibt.

Gwon wurde drei Wochen lang eingesperrt

Schließlich steht es in Nordkorea sogar unter Strafe, Zeitungsseiten mit Bildern Kims als Einwickelpapier oder Sitzunterlage zu benutzen. Drei Wochen wurde Gwon eingesperrt, während sein Großvater bei seinem Nachbarn um das Leben seines Enkels bat. Schließlich begnadigte Kim den Jungen unter der Auflage, dass er Kimchaek verlassen müsse und einer Organisation unterstellt werde, die ihm Disziplin beibringt.

So kam der 13-Jährige unter die Aufsicht eines Onkels, der ein Ausbildungskontingent für Spezialkräfte kommandierte. Eine Karriereentscheidung, die unumkehrbar war. "Wer einmal Mitglied der Staatssicherheit ist, kommt da nie wieder raus", sagt Gwon. Allerdings hat er sich während seiner über 20-jährigen Laufbahn auch nie ein Aussteigen gewünscht. "Als Geheimagent zu arbeiten, ist das Beste, was einem in Nordkorea passieren kann", findet er. "In meiner Position stand ich über dem Gesetz und genoss alle Privilegien, die man sich vorstellen kann. Ich war wie James Bond."

Nicht ohne Stolz zählt er die Operationen auf, an denen er beteiligt gewesen sein will: Er wurde in Südkorea und Südostasien eingeschleust, um Überläufer zu töten, Devisen zu beschaffen und Waffen zu schmuggeln. Wie viele Menschenleben er auf dem Gewissen hat, will er nicht sagen, angeblich weil der südkoreanische Geheimdienst ihn nach seiner Flucht verpflichtet hat, über Details zu schweigen - im Gegenzug für seine Freiheit.

In Japan entführten sie eine Studentin

An einem japanischen Strand half er bei der Entführung einer Studentin, die in Nordkorea bei der Ausbildung von Geheimagenten helfen sollte. Die Verschleppung von Dutzenden Japanern stellt bis heute den größten diplomatischen Konflikt zwischen Pjöngjang und Tokio dar. Außerdem arbeitete er mehrere Jahre als Aufseher in Nordkoreas berüchtigtem "Konzentrationslager 22", in dem 35.000 Häftlinge leben, teilweise bereits in dritter Generation.

"Das Camp ist der schlimmste Ort, den man sich vorstellen kann", sagt Gwon. Die Insassen arbeiten in Minen und auf Feldern, bei knapper Verpflegung. Wer zu fliehen versucht oder den Gehorsam verweigert, wird öffentlich hingerichtet. Humanbiologische Experimente seien an der Tagesordnung, sagt Gwon. "Ich war dabei, als Giftgas an Menschen getestet wurde." Über den Umgang mit weiblichen Insassen und Untergebenen berichtet er bereitwillig. "Wenn mir eine Frau gefiel, habe ich sie mir genommen", erzählt er. "Ich hatte uneingeschränkte Macht über das Leben anderer Menschen." Ob er das Gefühl vermisst? "Natürlich habe ich das sehr genossen. In Nordkorea war ich allmächtig, hier bin ich ein Niemand."

Dass er ins Feindesland Südkorea wechselte, das habe nichts mit Gewissensbissen zu tun gehabt, sondern mit einer "Frauengeschichte", wie Gwon sich ausdrückt. 1999, während eines Einsatzes in Peking, erhielt er den Tipp, nicht nach Nordkorea zurückzukehren. So blieb ihm keine andere Wahl, als in Südkorea Schutz zu suchen. Für Seouls Geheimdienste seien Überläufer wie er ein Glücksfall, meint er. Er selbst habe das jedoch anders empfunden. Einen richtigen Job hat er nicht. Zwar gibt er sich auf seiner Visitenkarte als Präsident einer Handelsfirma aus, aber in Wirklichkeit ist er allenfalls der Strohmann südkoreanischer Geschäftspartner, die Verantwortung für zwielichtige Geschäfte auf ihn abwälzen wollen. Mehrfach habe er daran gedacht, sich als Milizionär in Pakistan zu verdingen oder im Irak als Personenschützer zu arbeiten. "Nordkoreaner haben in diesem Milieu einen guten Ruf, weil wir gut ausgebildet sind und unsere Fäuste einzusetzen wissen", meint Gwon.

Ganz ohne Skrupel ist er heute nicht. "In Südkorea wurde mir bewusst, was für fürchterliche Dinge ich getan habe" sagt er. "Wer in Nordkorea die Macht hat, unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse, sondern nur zwischen Nutzen und Schaden. Das ist eine verrottete Gesellschaft."
 

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