Strukturreform an der Uni
Rektor will 25 Professuren umwidmen
Den Geisteswissenschaften drohen starke Einschnitte, auch Wirtschaftswissenschaften sind betroffen - Studenten planen Widerstand
Stuttgart - Die Universität Stuttgart will noch stärker als Forschungshochschule mit technischem Profil punkten. Dafür sollen nach Plänen des Rektorats bis zu 25 Professuren gestrichen und mit neuer Ausrichtung besetzt werden. Bis September soll alles entschieden sein.
Von Inge Jacobs
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Der Universität Stuttgart stehen große Veränderungen bevor, die auch Auswirkungen auf die Landeshauptstadt und die Nachbarhochschulen haben werden. Unter dem Titel "Masterplan" will der Rektor Wolfram Ressel das naturwissenschaftliche und ingenieurwissenschaftliche Profil seiner Hochschule als Forschungsuniversität weiter ausbauen. Dafür sollen bis zu 25 Professuren gestrichen und neu besetzt werden, rund zehn Prozent der gesamten Professorenzahl. Eine entsprechende Vorschlagsliste dieser Professuren hat Ressel bereits den Fakultäten vorgelegt. Die Liste sollte eigentlich zunächst geheim gehalten werden. Gegenüber der StZ räumte Ressel jedoch ein, dass vor allem die Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften von den Streichungsvorschlägen betroffen seien.
Harte Einschnitte bei GeschichteAuf der Streichliste stehen laut Ressel unter anderem die Alte Geschichte, Mittlere Geschichte, Kunstgeschichte, Romanistik und Anglistik sowie mit fünf Professuren die Betriebswirtschaftslehre (BWL) und die Volkswirtschaftslehre (VWL) . Wieder herausgenommen worden seien nach heftigen Diskussionen die Mediävistik und die Landesgeschichte, welche von Ressels Amtsvorgänger Dieter Fritsch schon einmal zur Disposition gestellt worden waren. Ressel betont aber, derzeit sei alles noch "im Fluss".
Auswirkungen werden die Strukturveränderungen auch auf die Lehramtsstudienplätze haben. Dieses Angebot solle zwar grundsätzlich erhalten bleiben, "aber es kann passieren, dass es an manchen Rändern Arrondierungen geben wird", so der Rektor. Ressel macht deutlich: "Wir wollen weiterhin eigenständige Geisteswissenschaften - aber sie müssen zu unserem Profil passen."
Profitieren sollen von den geplanten Einschnitten vor allem drei Bereiche: Simulationstechnologien und Modellierung, Komplexe Systeme und Kommunikation sowie die Materialwissenschaften.
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Als Grund für die weitreichenden Umbaupläne nannte der Rektor den hohen Konkurrenzdruck unter den Hochschulen und die zu erwartende Neuausschreibung der bundesweiten Exzellenzinitiative. "Wir bereiten schon die Ausschreibung vor." Eine Uni könne nur zukunftsfähig bleiben, wenn sie sich optimal ausrichte. Dazu gehöre, dass man sich auch von Bereichen trennen müsse.
Ob durch die geplanten Maßnahmen auch Studienplätze wegfallen, konnte Ressel nicht sagen. Er versprach aber mit Blick auf die doppelten Abiturjahrgänge: "Wir werden das Ausbauprogramm 2012 des Landes voll umsetzen." Etwas anderes bleibt der Universität auch nicht übrig, denn hier steht sie gegenüber dem Land in der Pflicht. Reine Forschungsprofessuren seien jedoch nicht geplant, sagte Ressel. "Alle Professuren werden voll in die Lehre eingebunden werden." Allerdings kann dies erst dann geschehen, wenn diese auch wieder neu besetzt sind.
Der Rektor kündigte an, der Masterplan solle rasch umgesetzt werden. "Wir wollen bis September das Kapitel abgeschlossen haben." Konkret bedeute dies, dass die Vorschläge noch im Juni im Senat diskutiert und im Juli beschlossen werden sollen. Im September stehe dann die Entscheidung im Unirat an. Zuvor würden die Pläne auch mit dem Wissenschafts- und dem Kultusministerium sowie mit den betroffenen Nachbarhochschulen abgestimmt - also wegen der Lehramtsstudiengänge mit der Musikhochschule und der Kunstakademie sowie mit der Uni Hohenheim wegen BWL und VWL.
Einschränkung des LehrangebotsUnterdessen formiert sich bereits Widerstand gegen die Pläne. "Es steht einer Landeshauptstadt wie Stuttgart nicht, dass sie keine Geisteswissenschaften mehr hat", erklärte der studentische Vertreter der Philosophisch-Historischen Fakultät, Dirk Lenz. Und für die Studierenden sei es nicht tragbar, dass das Lehrangebot zunehmend von Vertretungen übernommen werden müsse, weil die Professuren nach und nach ausgedünnt würden. Überschlägig seien allein in seiner Fakultät sowie in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften rund 3000 Studierende von den Streichplänen betroffen. Lenz kündigte an: "Wir werden die ganze Lobby aktivieren - auch die Kunsthochschulen und die Uni Hohenheim, die ebenfalls auf die Lehrangebote angewiesen sind." Es füge sich gut, dass vom 15. bis 19. Juni ohnehin eine bundesweite Bildungsstreikwoche geplant sei. "Die werden wir als Podium nutzen", so Lenz.
Am Donnerstag will der Rektor offiziell über die Strukturveränderungen informieren. Wolfram Ressel rechnet auch mit internem Widerstand gegen die Pläne, es gehe schließlich um eine "tiefgreifende Veränderung".
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03.06.2009 - aktualisiert: 07.06.2009 12:59 Uhr
Lesermeinungen
06.06.2009 18:57
Autor: Tanja
Also ich kann einerseits nachvollziehen, dass H.Ressel die Uni zur TU umstrukturieren möchte. Das kann durchaus seine Vorteile haben. Allerdings nicht mit solchen Mitteln. Man kann doch nicht einfach eine Abteilung komplett wegstreichen? Wenn man sie verklenern würde, wärs ja nochmal eine andere Sache. Man sagt: diese Uni ist auf Technisches spezialisiert, aber wir bieten natürlich auch Geisteswissenschaften an, nur wenn man eine für GW richtig renommiert Uni will, dann sollte man nach Tübingen gehen. Da würden sich immer noch Leute für Stuttgart entscheiden.
Aber die Streichung dieser Abteilung ist für alle vollkommen unnötig. Was soll denn Stuttgart noch ohne Kultur? Ohne Bildung?
06.06.2009 17:04
Autor: c.
"Dass dabei die Universitäten ihre starken Fächer ausbauen und andere Studiengänge verkleinern oder schließen, ist politisch gewollt. Tübingen und Freiburg sind stark in Anglistik und Geschichte, Mannheim in den Wirtschaftswissenschaften. Stuttgart muss es ihnen nicht gleichtun."
Soll ich jetzt deshalb, weil der Rektor keine Lust mehr auf diese Fächer hat, mein Hauptfach in Tübingen/ Freiburg studieren und mein Nebenfach gleichzeitig in Mannheim???
Wie stellt er sich das denn vor? Das ist unmöglich, wenn man den ganzen zeitlichen Aufwand bedenkt, der für jedes einzelne dieser Fächer außerhalb der Präsenzzeit an der uni notwendig ist.
Zielt das darauf ab, dass möglichst viele Studierende dieser Fächer das Studium abbrechen müssen oder ihr Fach wechseln? Man hat doch einen Grund, warum man ein bestimmtes Fach studiert und wenn man nicht mer frei sein kann in der Wahl dessen, was man lernt, wo geht das dann noch? Immerhin basiert das gesamte Leben auf dem, was man lernt. Verbiegen sollte man sich in dieser Gesellschaft eigentlich nicht. Ist doch pluralistisch.
06.06.2009 14:12
Autor: Jessica
Uns wurde in der Einführungswoche an der Uni Stuttgart gesagt, dass es aufgrund der umstellung auf Bachelor und Master, die sehr hektisch verlaufen ist, sehr große Unterschiede zwischen den einzelnen Universitäten und Hochschulen gibt, was die Pflichtkurse angeht. Somit gibt es an jeder Universität unterschiedliche voraussetzungen an Grundkenntnissen für die einzelnen Fächern. Aufgrund dessen ist es sehr umständlich, wenn man den Master an einer anderen Universität machen muss, als die, an der man auch den Bachelor gemacht hat. Es sind einfach grund verschiedene Voraussetzungen. Nur schwer vereinbar und schewr aufzuholen, um entsprechende Noten zu bekommen. Von daher ist es sinnfrei, einen Master an einer Uni abzuschaffen in einem Fach, den Bachelor aber noch anzubieten.
Wenn man in beiden Fakultäten, die Streichungen bekommen sollen, wie ich studiert, ist es dann ein besonderer Schlag. Es wird auch immer wieder vergessen, dass an solchen Dingen Menschen mit Zukunftsplänen hängen, die vielleicht aus einem ganz bestimmten Grund gezielt nach Stuttgart gekommen sind, um dort den Bachelor und den master zu machen. Oder Menschen, die Ihre Jobs zumindest Zeitweise verlieren. Wenn diese Pläne waren, dass man an der Uni vorerst bleiben möchte, um in der Forschung mitzuwirken und noch andere private Aspekte Mit diesen Zielen verknüpft sind, die für Stuttgart den Ausschlag gegeben haben, dann ist es einfach in gewisser Weise rücksichtslos und ungerecht, das einfach zu streichen. Da dies bei mir der Fall ist, würde es mich besonders treffen, wenn diese Pläne tatsächlich umgesetzt würden.
Gegen eine generelle Profilierung der Universität habe ich nichts. Nur sollte man nicht einen grßen Teil des Lehrangebots einfach streichen, sondern versuchen, das auch mit Hilfe der Studenten und Lehrbeauftragten umzusetzen, so dass von keinem Institut die Hälfte gestrichen werden muss und man im Grunde sofort die Uni wechseln müsste, um vernünftig studieren zu können, ohne plötzlich mitten im Studium vollkommen andere Anforderungen zu bekommen.
Was außerdem nicht in Ordnung ist, ist die Tatsache, dass nichtmal die hochgebildeten Leute, die an der Uni etwas zu sagen haben, in der Lage sind, sich untereinander zu verständigen. Dass der Direktor den Professoren und Dekanen wohl aus dem Weg gegangen ist, um nicht mit ihnen reden zu müssen, ist kein gutes Zeichen. Es lässt den Eindruck von mangelnder Kompromissbereitschaft entstehen und auch von unzureichender Planung, da gute Pläne nur in Absprache mit mehreren Menschen, die von wichtigen Teilgebieten eine Ahnung haben und auch Leuten die selbst betroffen sind, entstehen können. Dafür spricht auch, dass sogar wichtige Leute, wie Herr Schuster nichts davon gewusst haben wollen.
Ich glaube, hier mangelt es einfach an Planung und Einbeziehung vom kompetenten Menschen, sodass der Plan eigentlich nur flüchtig ist und so eher ein negatives Ergebnis insgesamt vorprogrammiert hat, als dass das Ergebnis zu einer positiven Seite tendieren könnte. So etwas kann man eigentlich nicht ernsthaft zulassen wollen und ich denke deshalb werden sich auch die Studenten und Dozenten zusammentun, um zumindest etwas besser reflektierte Lösungen anzubieten und die Asführung dieses scheinbar mehr schlecht als recht durchdachten Planes zu verhindern oder zumindest in gelenkte Bahnen mit Kompromissen zu bringen. Ohne Widerstand wird der Direktor die betroffenen Studiengänge jedenfalls auf keinen fall so beschneiden können.