Kita-Streik
Die Eltern sollen nicht in die Bredouille kommen
Nicole Höfle, veröffentlicht am 10.06.2009
Stuttgart - Am Dienstag sind in Stuttgart 108 Kitas geschlossen geblieben. Die Erzieherinnen haben gestreikt und werden dies auch am Mittwoch tun. Um Eltern zu helfen, die keine andere Betreuung haben, bleiben Kitas teilweise geöffnet. Aber nicht alle Eltern kommen zum Zug.
Von Nicole Höfle
Wer ist ein Notfall? Mit dieser Frage sehen sich derzeit viele Kita-Leiterinnen konfrontiert. Bleibt ihre Einrichtung teilweise geöffnet, müssen sie entscheiden, wer sein Kind am Streiktag bringen darf, weil er als Notfall gilt - und wer nicht. "Das ist eine schwierige Abgrenzung, viele Eltern sind verärgert, weil sie nicht zum Zug kommen", sagt der stellvertretende Jugendamtsleiter Heinrich Korn. Am Dienstag blieben 37 Kitas teilweise geöffnet, in 42 anderen Einrichtungen haben die Eltern die Betreuung übernommen, die anderen 108 städtischen Kitas blieben geschlossen.
Teilweise geöffnet hatte am Dienstag auch die Kita in der Düsseldorfer Straße im Hallschlag, in der an normalen Tagen 77 Kinder betreut werden. Es ist ein hübsch renoviertes Gebäude aus den 50er Jahren, gelegen in einem sozial schwierigen Wohngebiet. 80 Prozent der Kinder sind Migranten, viele Eltern hangeln sich mit einfachen Jobs über die Runden.
Anforderungen an Erzieherinnen sind gestiegen
An diesem Dienstagvormittag ist gerade ein gutes Dutzend Kindergartenkinder da, die Türme aus Bauklötzchen bauen, Purzelbäume üben oder im Garten Johannisbeeren pflücken - und dabei von fünf Erzieherinnen betreut werden. "Das sind Arbeitsbedingungen, von denen die Erzieherinnen an normalen Tagen nur träumen können", sagt die Einrichtungsleiterin Maria Wohlleber, die seit 30 Jahren in der Kita arbeitet und die erlebt hat, wie stark die Ansprüche der Eltern und die Anforderungen des Jugendamts an ihren Berufsstand gestiegen sind.
Die Stimmung an diesem Vormittag ist entsprechend entspannt und bleibt es auch, als sich nach Schulschluss noch einige Hortkinder dazugesellen und für ein bisschen mehr Trubel sorgen. Der fünfjährige Birkhan freut sich unterdessen darüber, eine ganze Weile mit einer Erzieherin alleine eine Höhle bauen zu dürfen, ein Betreuungsschlüssel, den er nur selten genießt. Auch die Erzieherin Katrin Hübner weiß die kleinen Gruppen am Streiktag zu schätzen. "Wir arbeiten oft mit 20 Kindern in einer Runde und es ist nicht immer eine zweite Erzieherin dabei." Zwölf Erzieherinnen sind in der Kita im Hallschlag beschäftigt, zwei Stellen sind seit einer Weile unbesetzt, weil sich keine qualifizierten Bewerber finden.
Die Eltern der Kinder in der Düsseldorfer Straße zeigen für den Streik Verständnis, allerdings war die Einrichtung bisher auch an einigen Streiktagen ganz oder wie am Dienstag teilweise geöffnet. "Alle Eltern, die keine andere Betreuungsmöglichkeit haben, konnten heute ihr Kind vorbeibringen", sagt Wohlleber. Auch der Erzieherin Katrin Hübner ist es wichtig, dass die Eltern nicht zu sehr in die Bredouille kommen. "Deshalb streike ich wie einige Kolleginnen nicht an allen Tagen."
Schnelle Einigung wird gefordert
In anderen Kitas ist die Situation kritischer. Deshalb traf sich am Dienstag auf Anregung des Gesamtelternbeirats hin im Rathaus eine kleine Gruppe von Eltern, um auf ihre Misere aufmerksam zu machen. "Je länger der Streik dauert, desto schwieriger wird es für die Eltern. Wir fordern beide Seiten auf, sich schnell zugunsten der Erzieherinnen zu einigen", sagt Sevim Calayit aus dem Vorstand des Gesamtelternbeirats.
Eine Richterin, die mit ihren beiden Kindern ins Rathaus gekommen ist, ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen mag, nickt eifrig. Ihre Kita in der Schönbühlstraße im Osten war an allen Streiktagen geschlossen. "Wir haben keine Großeltern hier, deshalb machen mein Mann und ich derzeit Sonntag- und Feiertagsschichten, um unsere Arbeit zu erledigen." Sie stellt sich vor allem eine Frage: "Warum will die kinderfreundliche Stadt Stuttgart in diesem Tarifstreit keine Vorreiterrolle einnehmen?"
Von Nicole Höfle
Wer ist ein Notfall? Mit dieser Frage sehen sich derzeit viele Kita-Leiterinnen konfrontiert. Bleibt ihre Einrichtung teilweise geöffnet, müssen sie entscheiden, wer sein Kind am Streiktag bringen darf, weil er als Notfall gilt - und wer nicht. "Das ist eine schwierige Abgrenzung, viele Eltern sind verärgert, weil sie nicht zum Zug kommen", sagt der stellvertretende Jugendamtsleiter Heinrich Korn. Am Dienstag blieben 37 Kitas teilweise geöffnet, in 42 anderen Einrichtungen haben die Eltern die Betreuung übernommen, die anderen 108 städtischen Kitas blieben geschlossen.
Teilweise geöffnet hatte am Dienstag auch die Kita in der Düsseldorfer Straße im Hallschlag, in der an normalen Tagen 77 Kinder betreut werden. Es ist ein hübsch renoviertes Gebäude aus den 50er Jahren, gelegen in einem sozial schwierigen Wohngebiet. 80 Prozent der Kinder sind Migranten, viele Eltern hangeln sich mit einfachen Jobs über die Runden.
Anforderungen an Erzieherinnen sind gestiegen
An diesem Dienstagvormittag ist gerade ein gutes Dutzend Kindergartenkinder da, die Türme aus Bauklötzchen bauen, Purzelbäume üben oder im Garten Johannisbeeren pflücken - und dabei von fünf Erzieherinnen betreut werden. "Das sind Arbeitsbedingungen, von denen die Erzieherinnen an normalen Tagen nur träumen können", sagt die Einrichtungsleiterin Maria Wohlleber, die seit 30 Jahren in der Kita arbeitet und die erlebt hat, wie stark die Ansprüche der Eltern und die Anforderungen des Jugendamts an ihren Berufsstand gestiegen sind.
Die Stimmung an diesem Vormittag ist entsprechend entspannt und bleibt es auch, als sich nach Schulschluss noch einige Hortkinder dazugesellen und für ein bisschen mehr Trubel sorgen. Der fünfjährige Birkhan freut sich unterdessen darüber, eine ganze Weile mit einer Erzieherin alleine eine Höhle bauen zu dürfen, ein Betreuungsschlüssel, den er nur selten genießt. Auch die Erzieherin Katrin Hübner weiß die kleinen Gruppen am Streiktag zu schätzen. "Wir arbeiten oft mit 20 Kindern in einer Runde und es ist nicht immer eine zweite Erzieherin dabei." Zwölf Erzieherinnen sind in der Kita im Hallschlag beschäftigt, zwei Stellen sind seit einer Weile unbesetzt, weil sich keine qualifizierten Bewerber finden.
Die Eltern der Kinder in der Düsseldorfer Straße zeigen für den Streik Verständnis, allerdings war die Einrichtung bisher auch an einigen Streiktagen ganz oder wie am Dienstag teilweise geöffnet. "Alle Eltern, die keine andere Betreuungsmöglichkeit haben, konnten heute ihr Kind vorbeibringen", sagt Wohlleber. Auch der Erzieherin Katrin Hübner ist es wichtig, dass die Eltern nicht zu sehr in die Bredouille kommen. "Deshalb streike ich wie einige Kolleginnen nicht an allen Tagen."
Schnelle Einigung wird gefordert
In anderen Kitas ist die Situation kritischer. Deshalb traf sich am Dienstag auf Anregung des Gesamtelternbeirats hin im Rathaus eine kleine Gruppe von Eltern, um auf ihre Misere aufmerksam zu machen. "Je länger der Streik dauert, desto schwieriger wird es für die Eltern. Wir fordern beide Seiten auf, sich schnell zugunsten der Erzieherinnen zu einigen", sagt Sevim Calayit aus dem Vorstand des Gesamtelternbeirats.
Eine Richterin, die mit ihren beiden Kindern ins Rathaus gekommen ist, ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen mag, nickt eifrig. Ihre Kita in der Schönbühlstraße im Osten war an allen Streiktagen geschlossen. "Wir haben keine Großeltern hier, deshalb machen mein Mann und ich derzeit Sonntag- und Feiertagsschichten, um unsere Arbeit zu erledigen." Sie stellt sich vor allem eine Frage: "Warum will die kinderfreundliche Stadt Stuttgart in diesem Tarifstreit keine Vorreiterrolle einnehmen?"
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