Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Stuttgart & Region


Letzte Station Schrottplatz

Mit neun Jahren schon ein Wrack

Christine Bilger, veröffentlicht am 11.06.2009
Foto: Stollberg

Stuttgart/Göppingen - Die Abwrackprämie hat einen Ansturm auf Neufahrzeuge ausgelöst. Weil die alten weg müssen, quillen bei Autoverwertern die Lager über. Ein Stimmungsbericht aus der Region.


  Von Christine Bilger

 
"Autorisierte Rücknahmestelle für Altfahrzeuge" klingt sehr sachlich. Emotionsgeladener und deshalb vielleicht passender für des Deutschen liebstes Stück kommt die englische Version daher. Da heißt das nämlich "Take Back Point for End of Life Vehicles". Was durch das Tor der Firma Nill in Stuttgart Hedelfingen rollt, hat also demnach sein automobiles Leben hinter sich. Oder vielleicht doch noch nicht ganz. Denn aus einem verrosteten Teil treibt schon wieder blühendes Leben: Eine Geranie rankt aus dem ausrangierten Getriebegehäuse eines BMW. Im Büro der Nills hängt eine zur Uhr umfunktionierte Daimler-Radkappe, im Hörgerätebeige der achtziger Jahre. Hat das dazugehörige Rad auch längst aufgehört zu rollen, die Zeiger drehen sich immer weiter.

"Es heißt nicht Schrott. Wir sind Autoverwerter". Das ist die erste Lektion, die der Geschäftsführer Heiko Nill erteilt, schaut man in sein proppevolles Teilelager. Denn was ausgemustert ist, muss noch längst nicht ausgedient haben. Und außerdem stecke in dem Wort Verwertung der Begriff Wert, daran ist dem 35-jährigen Betriebswirt viel gelegen. Es ist auch das erste Wort, das ihm einfällt, denkt er über Sinn und Unsinn der Abwrackprämie nach. "Da werden Werte vernichtet", sagt er und schaut über den Hof: "1994, 1998, und der hier wurde bis Ende der 90er gebaut." So zählt er die Baujahre der Autos auf, die eigentlich seiner Meinung nach zu jung sind, um bei ihm im Betrieb zu landen. "Das sind doch prima Autos, da wäre doch in normalen Zeiten kein Mensch auf die Idee gekommen, die wegzuwerfen."

Der Job ist knochenhart

Aber die Zeiten sind nicht normal, auch wenn es nicht die erste Krisenwelle ist, die der Betrieb erlebt. Die Nills haben schon viele kommen und gehen sehen. Heiko Nill ist der Urenkel von Karl Nill, der die Firma 1928 gründete. Ein Krisenjahr, dass dem Urahnen die Notwendigkeit der Wertschöpfung aus alten Karossen einleuchten lies. "Es gab ja damals nichts", sagt Nill. Aus der Not geboren wuchs der Betrieb. Die Verwertung bot eine Existenzgrundlage. 81 Jahre später herrscht wieder Krisenstimmung in Deutschland, und Heiko Nill vergleicht die Zeichen der Zeit: "Damals wusste man, dass man aus Altmetall Wertvolles gewinnen kann." Heute scheine das Bewusstsein nicht mehr weit verbreitet.

Nichts wie weg mit dem alten Auto - wegen dieser Haltung wird es eng in den Betrieben der Verwerter. Dreißig Autos passen in Hedelfingen auf den Hof. Zehn zerlegen Nills Leute pro Tag, ein Mitarbeiter schafft zwei bis drei Autos pro Tag. Überstunden könnten sie viele machen, aber das lässt der Chef nicht zu: "Der Job ist knochenhart. Die Leute sollen schließlich noch laufen können, wenn sie mit 65 in Rente gehen." Zwei bis drei Monate werde es sicher noch dauern, bis die zurzeit angemeldeten Abwrackmodelle in alle ihre Einzelteile zerlegt sind.

Eigentlich könnte ein Autoverwerter, der auch vom Teilehandel lebt, über die Abwrackprämie frohlocken, lässt sie doch nicht nur Neuwagen vom Band zu den Händlern sondern auch gut erhaltene Gebrauchte von der Straße in seinen Betrieb rollen. Die Vorteile für seine Branche weiß er durchaus zu schätzen, sagt er mit Blick auf das, was Bastler- und Schrauberherzen höher schlagen lässt. "Manche Autos sind ja nur 30.000 Kilometer gelaufen. So gute Ersatzteile wie jetzt gab es noch nie." Der Jüngste, der auszuschlachten war, hatte seinen neunten Geburtstag gerade mal um drei Tage überschritten, als er auf den Hof rollte. End of Life für einen dunkelblauen Fiesta, der sich schon in jungen Jahren für die Abwrackprämie qualifiziert hatte.

"Das ist eine staatliche Subvention, aber sicher keine Umweltprämie", sagt Nill. Denn mit dem, was manche nicht mehr als Subvention, sondern als größtes Wahlgeschenk seit der Wiedervereinigung sehen, könne man es drehen und wenden, wie man will: Einen Umweltschutzaspekt entdeckt Nill darin nicht. Nicht nur, weil 30 Prozent des CO2-Ausstoßes, den ein Auto im Laufe seines Lebens erzeugt, nicht auf der Straße, sondern bei der Produktion anfallen. "Die meisten Autos, die abgewrackt werden, haben schon eine grüne Plakette. Die Besitzer tauschen Grün gegen Grün. Eine Verbesserung ist das nicht", sagt er.

Airbags knallen in der Presse

Diese Einschätzung untermauern die Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes: Etwa die Hälfte der Fahrzeuge, für deren Verschrottung die Abwrackprämie in Anspruch genommen wird, erfüllen bereits die Euro-2-Norm.

Wenn alles, was noch brauchbar ist und Platz im Lager hat, ausgebaut ist, kommen Betriebe wie die Schwäbische Metallverwertung zum Zug. Dann erst darf sich beim Göppinger Güterbahnhof die große Kralle ins knirschende Blech beißen. Wieder schwebt ein Auto in den Himmel und fällt in die Presse. Dort wird es zerdrückt und dann mit einer Scherkraft von 850 Tonnen in Scheiben geschnitten. Ein Vorhang aus massiven Eisenketten hängt vor der Öffnung, hinter der ein Opel sein letztes bisschen Leben mit einem lauten Knall aushaucht.

Wer mit ausgedienten Autos arbeitet, sollte sich heutzutage auch in Sprengstoffkunde auskennen. Der Sprengstoff, das sind hier die Airbags. Da die abgewrackten Autos allesamt jüngeren Datums sind, knallt es häufiger, wenn noch ein Rest des explosiven Gemischs übrig ist. Das erschreckt die Leute hier nicht mehr.

Meterhoch stapeln sich die Leerkarossen. 500 bis 1000 Kilo Schrott. Ausgeschlachtet und trockengelegt, also von Flüssigkeiten aller Art befreit. Wenige Meter entfernt, hinter der Bürobaracke, ist ein Häuflein silbern glitzernder Würfel gestapelt. Was anmutet wie ein futuristisches Kunstwerk, ist das, was beim Autobau übrig bleibt. Wertvoller Neuschrott. "Der fehlt uns zurzeit quasi komplett", sagt der Geschäftsführer Thomas Mall. Das Material, das in den Fertigungshallen als Abfallprodukt anfällt - wo später eine Öffnung ist, muss ja zuvor ein Loch ins Blech gestanzt werden - bleibt aus, wenn die Produktion stillsteht. Zurzeit falle etwa halb so viel an als vor der Krise, schätzt Mall.

Billiger Altschrott

Zu wenig zu tun haben die Männer auf dem Schrottplatz dennoch nicht. "Das gleicht die Abwrackprämie wieder aus", sagt Thomas Mall. Und schon rollt wieder ein Laster, die trockengelegten Karossen hoch aufgestapelt, in den Hof. Dieses Mal ist ein alter rostroter Renault dabei, der sicher auch ohne Finanzspritze von der Bundesregierung nicht mehr lange hätte auf sich warten lassen. Aus dem Schlitz zwischen Scheibe und Dichtgummi schiebt sich durch das Moos ein Pflänzchen hervor.

Das ist echter Altschrott, und der hat normalerweise seinen Preis. 120 bis 140 Euro für die Tonne sei normalerweise zu erzielen, sagt Ulrich Leuning, der Geschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen. Zurzeit liegt der Preis bei 20 bis 40 Euro. Keiner will den Schrott haben. Hauptabnehmer seien die Stahlwerke, doch in Deutschland werde im neunten Krisenmonat 44 Prozent weniger Rohstahl erzeugt. Der hat normalerweise eine Beimischung von 50 Prozent Schrott. "Das ist der Notstand", sagt Ulrich Leuning.

Stillstand kehrt im Hedelfinger Betrieb von Heiko Nill deswegen noch lange nicht ein. "Die Abwrackprämie beschäftigt uns sicher noch mehrere Monate", sagt er. Die Autos auf dem Gelände stehen dicht an dicht. Inzwischen werden die Wagen schon gar nicht mehr alle komplett zerlegt. "Warum sollte ich auf 100 Golftüren noch die 101. oben drauf legen?" Die 101. Tür bleibt dran - und geht einfach mit zum Verschrotten.

Keine Gefahr für Gebrauchtwagenmarkt

Es gebe zwei Gruppen von Profiteuren der Abwrackprämie, sagt Nill. Diejenigen, die sich vom Staat den um ein oder zwei Jahre vorgezogenen Konsum mit 2500 Euro unterstützen lassen. Und diejenigen, die ihren alten Wagen behalten und dafür günstige gebrauchte Ersatzteile kaufen können, die noch so gut wie neu sind. Die Skepsis, dass der Ansturm auf die Abwrackprämie - inzwischen sind beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle rund 1,5 Millionen Anträge eingegangen - den Gebrauchtwagenmarkt zum Erliegen bringen könnte, teilt er aber nicht. "In Deutschland sind rund 40 Millionen Autos zugelassen. Davon wird ja nur ein kleiner Teil ausgetauscht", sagt Nill.

Neulich hat die Mutter seiner Partnerin gefragt, ob sie die Abwrackprämie nutzen und ihren alten Wagen austauschen soll. Heiko Nill scheut für die Familie keine Arbeit. Ein bisschen Farbe, ein paar Teile, ein paar Stunden Arbeit: Der Wagen sei nicht nur zu retten, sondern "noch echt gut", sagt er. Daher seine klare Antwort an die Schwiegermutter. Nicht abwracken. Weiterfahren.
 
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