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Lutz Schelhorn porträtiert einen Ort des Übergangs
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Ein Abschied vor der Trennung? Oder die sehnsüchtige Begrüßung zweier Menschen? Viele Bahnhofsbilder von Lutz Schelhorn laden zum Weiterdenken ein. Foto: Schelhorn
Stuttgart - Das Gesicht des Hauptbahnhofs wird sich in den nächsten Jahren drastisch verändern - vor allem wegen Stuttgart 21. Lutz Schelhorn nutzt nun eine letzte Chance. Der Fotograf entwirft mit seinen Bildern ein eindrucksvolles Mosaik in Schwarz-Weiß. Wir zeigen seine Fotos und viele weitere Ansichten des Bahnhofs.
Von Erik Raidt Er ist eine Insel des Stillstands inmitten der Bewegung. Lutz Schelhorn steht in der großen Schalterhalle des Bahnhofs neben seiner Kamera. Seine Augen wandern durch den Raum, sein Daumen ruht auf dem Drahtauslöser. Er wartet auf den richtigen Moment. Darauf, dass ein Sonnenstrahl durch die hohen Seitenfenster einfällt und die Halle in ein magisches Licht taucht. Darauf, dass Menschen an ihm vorübergehen, die ihn interessieren. Lutz Schelhorn verharrt fast regungslos, während alles andere fließt: Ein Geschäftsmann hastet über die Treppen zu seinem Zug. Ein Pärchen läuft händchenhaltend zu den Gleisen hinüber. Die Frau beim Discountbäcker reicht eine Brötchentüte nach der nächsten über den Verkaufstresen.
Weiter, immer weiter. Auf Rolltreppen gestikulieren Reisende. Jeder Dritte hält sich ein Handy ans Ohr, viele essen im Gehen. Auf der Anzeigentafel rattern die Züge im Minutentakt. Mannheim, Marburg, München. In fünf Minuten, in zehn, "zurückbleiben, bitte!" Lutz Schelhorn kneift die Augen zusammen und drückt den Daumen durch. In diesem Augenblick hat er die Wirklichkeit eingefangen. Eine Wirklichkeit, die einen Augenblick später so nicht mehr existiert. Der 49-jährige Fotograf porträtiert seit Anfang des Jahres den Stuttgarter Hauptbahnhof. Lutz Schelhorn wird zum Chronisten dessen Verschwindens.
Stuttgart 21 kommt, und mit dem Projekt wandelt sich der Bahnhof. Die Seitenflügel sollen dem Baukörper gestutzt, die Gleise in den Untergrund verlegt werden. Noch existiert diese Zukunft nur in Form von Modellen und Computeranimationen. Doch im Laufe des nächsten Jahrzehnts werden Bagger und Bohrmaschinen die Gegend rund um den Bonatz-Bau umgraben. Und obwohl das denkmalgeschützte Hauptgebäude bestehen bleibt, wird es sein Gesicht verändern.
Schelhorn benutzt eine Großformatkamera
Lutz Schelhorn bannt den Bau in seiner heutigen Form über ein ganzes Jahr hinweg auf Filmnegative. "Ich fange Stimmungen ein, die man sonst in dieser Form nicht wahrnimmt", sagt er. Dabei macht er es sich nicht leicht: in einem Alukoffer schleppt er seine Fotoausrüstung durch die Hallen. Eine Großformatkamera aus den 60er Jahren. Die Kamera ist mit jeder Metallschraube ein Gegensatz zur modernen Schnappschussfotografie mit der Handy- oder der Digitalkamera. Schelhorn bestimmt die Blende mit einem Schieberegler. Wenn er die Verschlusszeit wählt, dreht er an einem Rädchen. Wenn er den Ausschnitt für das Bildmotiv wählt, verschwindet sein grauer Haarschopf unter einem lichtundurchlässigen Tuch.
So ungewöhnlich wie das Projekt ist der Mann, der es mit beinahe akribischer Besessenheit verfolgt. Lutz Schelhorns Leben gleicht einem windungsreichen Pfad, bei dem hinter jeder Ecke eine neue Überraschung lauert. Er wuchs in Stammheim auf, schuftete in Autowerkstätten und als Lastwagenfahrer. Die Tätowierungen auf seinen Oberarmen erinnern für den Rest seines Lebens an seine wilde Zeit als "Höllenengel". Immer noch steht Schelhorn den Hells Angels in Stuttgart als Präsident vor. Doch inzwischen kennt ihn nicht nur die Bikerszene. Schelhorn hat sich längst als Fotograf einen Namen gemacht.
Er fotografierte Mönche in einem Zisterzienserkloster, Dominas bei ihrem Dienst am Kunden und zuletzt den Alltag geistig Behinderter. Dabei sind Freundschaften entstanden. Schelhorn, der früher auch das Faustrecht für sich in Anspruch nahm, geht heute leise auf die Menschen zu. So gewinnt er das Vertrauen von Obdachlosen, von vielen anderen gestrandeten Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben. Mit seinem respektvollen Stil hat er auch die Deutsche Bahn überzeugt, seinem Projekt zuzustimmen.
Der Blick des Fotografen ist kein flüchtiger
Lutz Schelhorn fängt nun mit seiner Kamera das letzte Kapitel in der Geschichte des jetzigen Bahnhofs ein. Er nähert sich dieser Geschichte mit einer Technik, die näher an der Dampflok als am ICE ist. Der Bahnhof verändert sich, weil alles noch schneller gehen soll. Von Stuttgart nach Ulm in 28 Minuten. Von Stuttgart nach Tübingen in 41 Minuten. Kopfbahnhöfe bremsen, Stuttgart will den Anschluss nicht verlieren. Schelhorn setzt dem Rausch der Geschwindigkeit das Tempo einer Schnecke entgegen. Sein Blick auf den Stuttgarter Hauptbahnhof ist kein flüchtiger. Der Fotograf nimmt sich die Zeit, die kaum einer der eiligen Passanten hat, die an ihm und an seiner Kamera vorübereilen.
Auf diese Weise werden Szenen und Dinge sichtbar, die hastende Reisende übersehen: die Triebwagen zweier Züge stehen einander so nahe, dass sie sich fast zu küssen scheinen. Ein Paar steht engumschlungen auf einem Gleis - sehen sich die beiden wieder oder trennen sie sich für lange Zeit? Irgendwo hat ein Arbeiter in einem Winkel einen Besen vergessen. Vor dem Warteraum blickt ein alter Mann suchend in die Ferne. Schelhorn inszeniert den Stuttgarter Hauptbahnhof, er verleiht ihm Charme und Würde. Manche der Schwarz-Weiß-Aufnahmen erinnern an jene Bilder, die einst die New Yorker Central Station zum Mythos machten.
Zugleich widersteht Schelhorn der Versuchung, nur Bahnhofsromantik zu inszenieren. Längst hat der Kommerz die Hallen und die Bahnsteige erobert - seine Bilder belegen es. Fastfoodketten reihen sich aneinander, der griechische Tourismusverband verkauft blaues Meer, die Telekom ihre Handyverträge. Wo einst nur Züge fuhren, werden heute Nagelscheren, Bodylotions und Räucherstäbchen verramscht. Schautafeln haben sich in Infoscreens verwandelt, auf denen die weltweiten Börsenkurse fast in Echtzeit tickern. Housemusik wummert aus einer Eisbude, Fettgeruch entströmt Fritteusen, und die Fahrkarten kommen bevorzugt aus Automaten.
Gerüste wachsen an den Innenwänden des Bahnhofs
Kalt, laut und hässlich ist der Bahnhof eben auch. Lutz Schelhorn zeigt diesen Teil des Alltags 2009, der so weit entfernt ist von jenem des Jahres 2019, wenn ein Jahrzehnt verstrichen sein und Stuttgart 21 die Innenstadt prägen wird. So kämpft er auch gegen die Zeit. Jede Woche begegnet Schelhorn der Bahnhof anders: Gerüste wachsen an Innenwänden empor und verschwinden andernorts. "Ich muss mich beeilen", sagt Lutz Schelhorn, während er mit einer Lupe die Mattscheibe seiner Kamera entlangfährt. "Die Spuren des Abrisses sollen auf meinen Bildern noch nicht sichtbar sein."
Weiter, immer weiter. Der Mann mit dem Alukoffer und der Uraltkamera hat noch längst nicht alle verborgenen Ecken des Bahnhofs eingefangen. Viele Momentaufnahmen hat Lutz Schelhorn bereits zu einem großen Mosaik des Stuttgarter Hauptbahnhofs zusammengefügt. Müde Gestalten im Tageslicht, und der Zug kommt nicht. Pickende Tauben werfen Schatten. Die Rollkoffer der Reisenden türmen sich am Gleisende zu kleinen Gebirgen. Eine Frau betrachtet ratlos einen Fahrplan und versucht, die Komplikationen des Zugverkehrs zu verstehen. Manches, so empfindet es der Bauchmensch Lutz Schelhorn, fehlt noch im Mosaik.
Am Ende soll eine Ausstellung die einjährige Arbeit abschließen, die Fotos womöglich einen Bildband füllen. Bye bye, Bahnhof! Doch jetzt verharrt Schelhorn erst einmal. Sein Daumen am Drahtauslöser. Er steht regungslos an einem Ort, an dem alle anderen nur vorankommen wollen.
Erik Raidt
13.06.2009 - aktualisiert: 13.06.2009 10:47 Uhr
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