Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Stuttgart & Region


Fraktionsvorsitzender Werner Wölfle

"Ich war noch nie ein Linker"

Thomas Borgmann, veröffentlicht am 12.06.2009
Foto: Zweygarth

Stuttgart - So ein Erfolg kostet Kräfte, so ein Sieg macht müde, so ein glänzendes Wahlergebnis führt auch zur Nachdenklichkeit. Jedenfalls bei Werner Wölfe. Also hat sich der "Leitwolf" der Stuttgarter Grünen nach dem denkwürdigen 7. Juni jetzt ein paar Tage Auszeit genommen.


  Von Thomas Borgmann

 
"Übers Wochenende fahr' ich zu meinen Eltern nach Konstanz. Ich muss abschalten, will ausruhen, muss meine Gedanken ordnen." Wölfle weiß, dass sich das "saugut anhört: Größte Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat". Aber er ist nach 15 Jahren in der Kommunalpolitik erfahren genug, um zu ahnen: "Leicht wird das nicht werden. Ich hab' auch einigen Bammel, das geb' ich zu. "In der Stunde ihres größten Triumphes haben die Grünen ihren Werner Wölfle buchstäblich auf Händen getragen, ihn in die Luft empor geworfen, als wären sie eine Fußballmannschaft und er ihr Erfolgstrainer.

Doch als es zu Jahresbeginn darum gegangen war, die Ratskandidaten zu nominieren und Werner Wölfle auf Platz zwei zu setzen, hatte er unerwartet 14 Gegenstimmen hinnehmen müssen - die Quittung dafür, dass er der starke Mann bei den Grünen ist, und dass er Einfluss genommen hatte auf die Kandidatenliste. Machthaber sind der grünen Basis noch immer suspekt. Und wer wie er fast täglich in der Zeitung steht, der wird bei passender Gelegenheit eben mehr oder minder heftig abgestraft.

Wölfle kennt seine grünen Pappenheimer

Werner Wölfle hat diesen Dämpfer nicht vergessen. "Am Wahlabend war ich von tosendem Applaus umringt", sagt er sarkastisch. Er kennt seine grünen Pappenheimer. Schon hat er alle Hände voll zu tun, die überbordenden Erwartungen aus den eigenen Reihen einigermaßen im Zaum zu halten. "Ich hab' denen gesagt, wir bleiben auf dem Boden und gehen die Dinge, die da kommen, mit aller Ernsthaftigkeit an." Schließlich kenne er das Gefühl der Niederlage sehr genau: "Da war ich froh, wenn andere fair mit mir umgegangen sind."

Nein, ein knallharter Taktiker, gar ein eiskalter Karrierist - das ist der 55-Jährige, geschiedene Vater zweier Kinder, nicht. Im Gegenteil. Seine Nehmerqualitäten haben durchaus ihre Grenzen. Da ähnelt er auf verblüffende Weise dem Oberbürgermeister, mit dem er sich seit Monaten heftige Wortgefechte liefert. Wolfgang Schuster, mindestens ebenso harmoniebedürftig wie der Grünenchef, neigt zu einsamen Entschlüssen.

Der Grüne möchte Sozialbürgermeister werden

Werner Wölfle ist darüber sichtlich enttäuscht: "Ich verstehe nicht, warum mich der Oberbürgermeister einen Populisten nennt, mich mit den Linken und der SÖS in eine Ecke der Neinsager stellt." In der kommunalen Bildungspolitik beispielsweise, da habe er die Grünen doch auf einen gemeinsamen Kurs mit der CDU gebracht. Außerdem wisse der OB genau, "dass ich noch nie ein Linker war, sondern ein konservativer Basisdemokrat bin". Doch die Wahrheit sei: "In all den Jahren, seitdem Wolfgang Schuster jetzt OB ist, hat es noch kein Gespräch unter vier Augen in seiener Amtsstube gegeben."

Das freilich könnte sich nächstes Jahr ändern. Denn Werner Wölfle, der seit 2006 auch im Landtag sitzt und dort als verkehrspolitischer Sprecher der Grünen fungiert, hegt einen persönlichen Plan. Nächstes Jahr, wenn die Amtszeit der Sozialbürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch von der FDP endet, möchte er sich um deren Nachfolge bewerben. "Wer mich kennt, der weiß, dass das Soziale mein eigentliches Thema ist", sagt Wölfle. Lange Jahre hat er bei der Caritas als Jugendhilfeplaner gearbeitet, das Vorzeigeobjekt "Haus 49" im sozial schwierigen Stuttgarter Norden ist seine Gründung. Der Bürgermeisterposten also wäre für ihn die Krönung. Doch da gibt es seit letzten Sonntag ein ernstes Problem: Nach diesem Sieg ist Wölfle für die Grünen unersetzlich.
 
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