"Jedermann" im Alten Schauspielhaus

Heesters wartet auf das Cabrio

Roland Müller, veröffentlicht am 12.06.2009
Foto: dpa

Stuttgart - Was Harald Schmidt schon ist, soll Johannes Heesters in den nächsten Wochen noch werden: der Promi, der die Massen ins Theater lockt - aber nicht wie Schmidt ins Staatstheater, sondern ins Alte Schauspielhaus. Nach der Premiere ahnt man: die Rechnung geht auf.


  Von Roland Müller

 
In einer Autostadt, worin zeigt sich da der Reichtum? Richtig: im Besitz einer Luxuskarosse, die alle Bewunderung auf sich zieht, sobald sie glänzend poliert um die Ecke biegt. Im Alten Schauspielhaus ist das jetzt nicht anders. Auch da gibt es Ahs und Ohs angesichts eines todschicken Mercedes-Cabrios, das mit einem satten Brummton leibhaftig auf die Bühne rollt. Schon imposant, so eine 100.000-Euro-Kiste, sehr elegant, sehr geschmeidig, aber wenn man sich an dem Blech sattgesehen hat, fällt der Blick doch noch aufs Nummernschild: S-JM105. Und das ist ein kleiner, schöner Witz und sozusagen auch die pfiffige Signatur der ganzen, von Klaus Hemmerle besorgten Inszenierung.

Denn was machen Männer, die sehr von sich überzeugt sind? Sie schmücken das Nummernschild mit ihren Initialen, weshalb es keinen Zweifel daran gibt, wer jetzt aus dem schwarzen Angeberauto steigt: JM wie Jedermann, in Stuttgart gemeldet und dort in Halbhöhenlage wohnhaft, rasch zu Geld gekommen, sehr genusssüchtig, aber auch sehr hartherzig - die Autonummer als aufschlussreiche Regienummer am Rande, die Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" spielerisch aus dem Mittelalter in die Gegenwart holt. S-JM: doch wofür stehen bloß die 105?

Zehn Minuten hoffen auf Barmherzigkeit

Sie stehen augenzwinkernd für die zweite Besonderheit des entschieden heutigen "Jedermanns": für den unverwüstlichen Johannes Heesters, der eben 105 Jahre auf dem Buckel hat und an dieser sonst sehr frischen Inszenierung live mitwirkt. Als ältester praktizierender Schauspieler der Welt verkörpert er zwei Rollen. Erstens den armen Nachbarn, der vergebens auf die Barmherzigkeit des Jedermann hofft; und zweitens den lieben Gott, der - nachdem er sich den unfrommen Lebensstil lange angeschaut hat - diesen prassenden Jedermann zu sich holen will. Und auch wenn beide Figuren netto nur zehn Minuten zu sehen sind, zieht der mittlerweile erblindete Figurendarsteller Heesters doch alle Aufmerksamkeit auf sich.

Der Tod ist der letzte Begleiter

Ganz in Weiß, wie aus einer Operette seiner Glanzzeiten entsprungen, ruht der Herr auf einer Parkbank. Die Verse, die sein Gott zu sprechen hat, schlüpfen halbwegs flüssig und verständlich aus dem Mund, Gestik und Mimik hingegen zeigen sich gedrosselt. Das wär's dann auch schon fast gewesen mit dem Besetzungscoup, läge da nicht ein junges Gruftie-Girlie dösend, schlafend, träumend im Schoß des gebrechlichen Allmächtigen: Lisa Charlotte Friederich personifiziert den Tod, der bald den Jedermann abberufen wird, aber zuvor noch einen anderen Job zu erledigen hat. Der finstere Kobold muss Gott nach seinem Kurzauftritt wieder sicher von der Bühne führen. Anders gesagt: der Tod ist hier Johannes Heesters letzter Begleiter.

Doch nachdem der umjubelte Besetzungscoup abgegangen ist, wird der Blick frei für die Inszenierung. Hemmerle, einer der besten Regisseure im Alten Schauspielhaus, bläst den Staub vom "Jedermann", so gut er irgend kann - und er kann es zumindest besser als seine Kollegen bei den Salzburger Festspielen, die das Memento-Mori-Spektakel noch jedes Jahr museal inszenieren. Mit überzeugenden Einfällen aktualisiert Hemmerle das "Spiel vom Sterben des reichen Mannes". Unterstützt wird er dabei sowohl von Birthe Gerken, die ihre Buhlschaft mit enormem Sexappeal ausstattet, als auch von Matthias Hermann, der seinem Jedermann die Coolness eines noch von keiner Krise gebeutelten Finanzmanns gibt - bis in den Tod: Mit seinem schicken Cabrio baut er auf regennasser Fahrbahn einen Unfall. Und S-JM105 fährt jetzt zu Gott in den Himmel.

Weitere Vorstellungen täglich außer sonntags bis zum 24. Juli.
 

Apple

Steve Jobs stellt iPad 2 selbst vor

Würde er auftreten oder nicht? „18.57 Uhr, Steve Jobs ist bisher nicht zu sehen“, lautet die Nachricht auf Applenews.de.mehr

Vor dem Spiel gegen Schalke

Cacau bricht Training ab

Können die Spieler des VfB Stuttgart nach dem zweiten Auswärtssieg gegen Eintracht Frankfurt (2:0) auch Schalke 04 bezwingen? mehr
Anzeigen

Anzeige

Stuttgart 21
Alle Infos zum Bahnprojekt
Stuttgart 21 finden Sie hier »
Aktuelle Videos


Nachrichten-Ticker
20:52 Eisparty Hamburg - Schneechaos auf dem Balkan »
20:51 Papademos ruft Griechen zu noch mehr Sparanstrengungen auf »
20:24 Mönchengladbach nach 3:0 gegen Schalke Dritter »
19:42 Zwei Tote bei Flugzeugabsturz in Cölbe »
19:14 Inselfähren kämpfen sich durch Eis zum Festland »
1  2  3  4  5  6  7    weiter
Anzeige

Ausgewählte Adressen

Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
Veranstaltungen

11.02. | Bis Ende des Jahres im Haus des Waldes

Märchenwald

Märchen, Mythen und Geschichten mehr
Finden Sie
Heute können Sie aus 458 Veranstaltungsterminen auswählen
StZ ePaper
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten

Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Abonnement-Prämien
Werben Sie einen Freund als Abonnent der Stuttgarter Zeitung. Für jede Empfehlung erhalten Sie eine Prämie aus unserem Shop.


 
nach oben