Retrospektive: Fritz Leonhardt
Betonpapst und Romantiker
Amber Sayah, veröffentlicht am 15.06.2009
Stuttgart - Mit dem Entwurf des Stuttgarter Fernsehturms hat er Geschichte geschrieben. Zum 100. Geburtstag von Fritz Leonhardt zeigt eine Retrospektive im LBBW-Forum das Lebenswerk des Brücken- und Türmebauers.
Von Amber Sayah
Er war einer der Großen seines Fachs. Aber auf großem Fuß gelebt hat er nicht: schätzungsweise Schuhgröße 42, maximal 43. Fritz Leonhardts Wanderstiefel, zu sehen in der Ausstellung "Die Kunst des Konstruierens" zum hundertsten Geburtstag des Stuttgarter Bauingenieurs am 11. Juli dieses Jahres (und zum zehnten Todestag am 29. Dezember 2009), machen den Eindruck, als stünden sie parat für die nächste Klettertour durch die Alpen, so tadellos gepflegt und auf Hochglanz gewienert, wie sie sind.
Er hatte eine Vorliebe für lange Wanderungen
Es ist einer der Vorzüge dieser Retrospektive im LBBW-Forum, dass sie nicht nur das Lebenswerk des Brücken- und Türmebauers in den Blick nimmt, sondern auch den Menschen Fritz Leonhardt mit seiner Vorliebe für ausgedehnte Wanderungen, die ihn durch halb Europa führten, und für die Fotografie, wodurch er zum Dokumentaristen des eigenen Schaffens wurde. Fachlich unbeschlagenen Besuchern erleichtert die private Seite der Biografie den Einstieg in die Schau und nimmt ihnen hoffentlich die Schwellenangst vor einer (nur vermeintlich) trockenen Materie. Wer Ahnung vom Bauingenieurwesen hat, für den rundet sich dadurch das Bild eines ebenso natur- wie technikbegeisterten Kopfes, der immer auf die schöne und vor allem landschaftsverträgliche Form seiner Tragwerke bedacht war.
"Auch der Bauingenieur muss seinen Beruf als Planer, Entwerfender und Gestalter sehen und die Bauwerke als Ganzes betrachten. Auch er muss mindestens Sinn und Verständnis für schönheitliche Gestaltung haben, denn seine Bauwerke sind auch Teil der gebauten Umwelt." Sinngemäß durchzieht dieses Credo Leonhardts Vorträge und Vorlesungen. Er selbst sah sich darum in einem universellen Sinn als "Baumeister". Einen Romantiker nennt ihn dagegen der Architekturhistoriker Klaus Jan Philipp im Begleitbuch zur Ausstellung: einen, der im eigenen Bauen die moderne Arbeitsteilung zwischen "rechnendem Ingenieur" und "künstlerisch gestaltendem Architekten" aufheben und diese Ganzheitlichkeit in seiner Lehre auch an andere weitergeben wollte.
Genau darin, in der Absage an den lupenreinen Technokraten und dem Bekenntnis zur ästhetischen und ethischen Verantwortung des Bauingenieurs, liegt - neben Leonhardts Bedeutung als Betonpapst - die Aktualität seines Denkens und Konstruierens. Einstige Schüler und Nachfolger an der Stuttgarter Universität wie Jörg Schlaich oder Werner Sobek haben es fortgeführt und weiterentwickelt. Auf breiter Basis muss es sich jedoch immer noch durchsetzen - man betrachte nur die grobschlächtigen Brückenbauwerke, mit denen die Deutsche Bahn überall die Gegend verschandeln durfte.
Studenten haben mitgewirkt
Erarbeitet wurde die Schau in den vergangenen drei Jahren am Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau in Karlsruhe, das den Leonhardt'schen Nachlass verwaltet. In einer hervorragenden, so sorgfältigen wie klar gegliederten Präsentation, zu der Stuttgarter Architekturstudenten zwanzig neu gebaute Modelle und der Karlsruher Architekt Matthias Tebbert die ansprechend gestaltete Ausstellungsarchitektur beigetragen haben, fächert sie Leonhardts Lebenswerk in acht Kapiteln auf - zuerst chronologisch und dann nach Themenbereichen: Brücken, Hochbauten, Türme.
Man sieht eine Karte der USA, auf der der Austauschstudent mit Buntstift die Routen eingetragen hat, die er 1932/33 per Anhalter quer über den Kontinent zurücklegte, Fotoalben mit Aufnahmen amerikanischer Hängebrücken, zu denen in seiner ordentlichen Schrift die Spannweiten notiert sind, Briefe aus New York an die Eltern in Stuttgart, in denen der junge Weltbürger über seine Lebenshaltungskosten Auskunft gibt. Fürs Essen verfügt er über 60 Cent am Tag.
Von Amber Sayah
Er war einer der Großen seines Fachs. Aber auf großem Fuß gelebt hat er nicht: schätzungsweise Schuhgröße 42, maximal 43. Fritz Leonhardts Wanderstiefel, zu sehen in der Ausstellung "Die Kunst des Konstruierens" zum hundertsten Geburtstag des Stuttgarter Bauingenieurs am 11. Juli dieses Jahres (und zum zehnten Todestag am 29. Dezember 2009), machen den Eindruck, als stünden sie parat für die nächste Klettertour durch die Alpen, so tadellos gepflegt und auf Hochglanz gewienert, wie sie sind.
Er hatte eine Vorliebe für lange Wanderungen
Es ist einer der Vorzüge dieser Retrospektive im LBBW-Forum, dass sie nicht nur das Lebenswerk des Brücken- und Türmebauers in den Blick nimmt, sondern auch den Menschen Fritz Leonhardt mit seiner Vorliebe für ausgedehnte Wanderungen, die ihn durch halb Europa führten, und für die Fotografie, wodurch er zum Dokumentaristen des eigenen Schaffens wurde. Fachlich unbeschlagenen Besuchern erleichtert die private Seite der Biografie den Einstieg in die Schau und nimmt ihnen hoffentlich die Schwellenangst vor einer (nur vermeintlich) trockenen Materie. Wer Ahnung vom Bauingenieurwesen hat, für den rundet sich dadurch das Bild eines ebenso natur- wie technikbegeisterten Kopfes, der immer auf die schöne und vor allem landschaftsverträgliche Form seiner Tragwerke bedacht war.
"Auch der Bauingenieur muss seinen Beruf als Planer, Entwerfender und Gestalter sehen und die Bauwerke als Ganzes betrachten. Auch er muss mindestens Sinn und Verständnis für schönheitliche Gestaltung haben, denn seine Bauwerke sind auch Teil der gebauten Umwelt." Sinngemäß durchzieht dieses Credo Leonhardts Vorträge und Vorlesungen. Er selbst sah sich darum in einem universellen Sinn als "Baumeister". Einen Romantiker nennt ihn dagegen der Architekturhistoriker Klaus Jan Philipp im Begleitbuch zur Ausstellung: einen, der im eigenen Bauen die moderne Arbeitsteilung zwischen "rechnendem Ingenieur" und "künstlerisch gestaltendem Architekten" aufheben und diese Ganzheitlichkeit in seiner Lehre auch an andere weitergeben wollte.
Genau darin, in der Absage an den lupenreinen Technokraten und dem Bekenntnis zur ästhetischen und ethischen Verantwortung des Bauingenieurs, liegt - neben Leonhardts Bedeutung als Betonpapst - die Aktualität seines Denkens und Konstruierens. Einstige Schüler und Nachfolger an der Stuttgarter Universität wie Jörg Schlaich oder Werner Sobek haben es fortgeführt und weiterentwickelt. Auf breiter Basis muss es sich jedoch immer noch durchsetzen - man betrachte nur die grobschlächtigen Brückenbauwerke, mit denen die Deutsche Bahn überall die Gegend verschandeln durfte.
Studenten haben mitgewirkt
Erarbeitet wurde die Schau in den vergangenen drei Jahren am Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau in Karlsruhe, das den Leonhardt'schen Nachlass verwaltet. In einer hervorragenden, so sorgfältigen wie klar gegliederten Präsentation, zu der Stuttgarter Architekturstudenten zwanzig neu gebaute Modelle und der Karlsruher Architekt Matthias Tebbert die ansprechend gestaltete Ausstellungsarchitektur beigetragen haben, fächert sie Leonhardts Lebenswerk in acht Kapiteln auf - zuerst chronologisch und dann nach Themenbereichen: Brücken, Hochbauten, Türme.
Man sieht eine Karte der USA, auf der der Austauschstudent mit Buntstift die Routen eingetragen hat, die er 1932/33 per Anhalter quer über den Kontinent zurücklegte, Fotoalben mit Aufnahmen amerikanischer Hängebrücken, zu denen in seiner ordentlichen Schrift die Spannweiten notiert sind, Briefe aus New York an die Eltern in Stuttgart, in denen der junge Weltbürger über seine Lebenshaltungskosten Auskunft gibt. Fürs Essen verfügt er über 60 Cent am Tag.
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