Sicherheitsgipfel in Stuttgart

Kampfansage an Hooligans

dpa, veröffentlicht am 19.06.2009
Foto: dpa

Stuttgart - Wenn der Politik die Probleme über den Kopf wachsen, dann bringt sie alle Experten an einen Tisch und nennt das Gipfel. So auch am Freitag in Stuttgart. Der Sicherheitsgipfel "Gewalt in Fußballstadien" brachte viele Erkenntnisse, aber noch wenig Ergebnisse.

Beteiligt im Stuttgarter Haus des Sports waren etwa hundert Vertreter verschiedener Vereine, Kommunen und Verbände sowie der Polizei.

Ausgangslage: Erstmals sei den frühen 90er Jahren hat das Land wieder ein gewaltiges Problem mit seinen Fußballfans. Dazu einige Zahlen aus Baden-Württemberg: plus 57 Prozent mehr Straftaten rund um den Fußball binnen einer Saison (524). 69 verletzte Polizisten (Vorsaison: 6). Rund 70 Prozent mehr Sachbeschädigungen in Bahnen. 1260 kategorisierte "Problemfans". 620 eingesetzte Beamte und 461 Ordner beim Bundesligaspiel Karlsruher SC - VfB Stuttgart im März dieses Jahres bedeuteten Rekord in der baden-württembergischen Fußballgeschichte. 263 Spiele von Liga 1 bis 4 wurden von der Polizei als Risikobegegnung eingestuft. Die (vom Staat getragenen Kosten) für die Polizeieinsätze bei allen Spielen der 1. und 2. Bundesliga in der abgelaufenen Saison beliefen sich auf 666 Millionen Euro.

Analyse: Die Anhänger der seit Jahren wachsenden Ultra-Bewegung treten nicht mehr nur als uneingeschränkte Unterstützer ihrer Mannschaft in Erscheinung, sondern auch als zündelnde Krawallmacher - bis hinunter in Liga 4. Selbst der dörfliche Emporkömmling TSG Hoffenheim hat mit diesen Fans so seine Probleme, wie Geschäftsführer Jochen Rotthaus berichtete. "Wir hatten ja das Glück, quasi bei null anzufangen. Schneller als erwartet haben sich bei uns aber ähnliche Strömungen wie überall entwickelt." Rotthaus spricht von diffusen Subgruppierungen, die untereinander über das Internet kommunizieren und bestens vernetzt sind. Darin sieht auch der Leiter des städtischen Fanprojekts in Karlsruhe, Volker Körenzig, eine große Gefahr: "Wir müssen verhindern, dass sich die gewaltbereiten Ultras vereinsübergreifend vereinigen." Erste Tendenzen seien bereits vorhanden. Dann geht es nicht mehr gegeneinander, sondern gegen die Obrigkeit. Das Problem, sagt Rotthaus, ist doch: "Wie kommen wir an diese Fans ran?" Was der Polizei nicht gelingt, ist auch für die Vereine kein leichtes Spiel. Rotthaus spricht von Psychologen, deren es zusätzlich zu den Fanbetreuern bedürfte; Körenzig weist darauf hin, dass viele Clubs ihre alten, verdienstvollen Spieler zu Fanbeauftragten ernennen - die aber bei den häufig erst 15- oder 16-jährigen Ultras kaum Gehör finden. "Der Einfluss geht häufig gegen null." Wenn diese trotzig-aggressiven und häufig noch angetrunkenen Teenager dann an Spieltagen auf sture Polizeibeamte treffen, ist die Eskalation vorprogrammiert. Die privaten Ordnungsdienste, so das Fazit von Polizeipräsident Erwin Hetger, sind mit der Situation häufig "qualitativ und quantitativ überfordert".

Lösungen: Gibt es noch keine, allenfalls Ansätze. So sind die Polizisten künftig zu einer "restriktiveren Linie mit niedriger Einschreitschwelle" gehalten. Heißt: Im Ernstfall härter zur Sache gehen. Gleiches gilt für die Vereine, wenn es um das Aussprechen von Stadionverboten geht. Das zeige immer noch die meiste Wirkung, glaubt Innenminister Heribert Rech (CDU). Auch mit einem restriktiveren Alkoholausschank, einer landeseinheitlichen Promillegrenze fürs Stadion und einer konsequenteren Fantrennung wollen die Verantwortlichen die Probleme in den Griff bekommen. Auf der anderen Seite soll alles getan werden, um den Ultras ihr Gewaltpotenzial auszutreiben und die Nachwuchsarbeit zu erschweren. Das geht am ehesten mit Sozialarbeit vor Ort in Vereinen und Schulen. Das "Nationale Konzept Sport und Sicherheit" empfiehlt die flächendeckende Einrichtung örtlicher Ausschüsse "Sport und Sicherheit" unter Beteiligung von Kommunen, Vereinen, Polizei, Fanbetreuern, Jugendhilfe und Ordnungsdiensten. In einem Jahr wollen sich die Gipfelteilnehmer wieder treffen und sehen, was von den Vorschlägen umgesetzt wurde.
 

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