Lagerfeuer als Abendprogramm

Artikel aus der Fellbacher Zeitung vom 17.07.2009

Unsere Fahrradreise führte uns bis zum Kilometer 422 der Ruta Trans Chaco in Paraguay. Dort sollte sich vieles verändern. Wir lernten einen Paraguayer kennen, der in Alto Paraguay, einer fast menschenleeren Provinz, ein 500 Hektar großes Grundstück besitzt. Nachdem wir ihm von unserer Liebe zur Natur berichtet hatten, erzählte er uns von seinem Plan, einen Monat zu arbeiten, um einen Brunnen zu bauen und einen Weg durch ein Waldstück zu schlagen. Er bot uns an, uns dorthin mitzunehmen, um einen Monat abgeschnitten von der Außenwelt so richtig mit der Natur zusammenzuleben. Wir waren begeistert und befanden uns eine Woche später im absoluten Nichts: 120 Kilometer vom nächsten Dorf und somit von der nächsten Einkaufsmöglichkeit entfernt. Dort gab es weder Stromanschluss noch Wasserleitungen. Es gab kein Handynetz und nur zwei rauschende Radiosender. Unser Nachbar, mit dem wir gelegentlich per Schrotflinte erlegte Vögel gegen Kuhmilch tauschten, war 2,5 Kilometer von uns entfernt.

Trotz alledem ist dieser Teil der Erde keinesfalls unberührt. Eine hier früher in stattlicher Zahl vertretene Büffelart ist bereits ausgerottet worden und große Teile des Bodens sind durch die überall frei herumlaufenden Kühe gänzlich zertrampelt. Wir schliefen in Hängematten mit Planendach darüber oder im Zelt. Das wohl wichtigste, das Trinkwasser, entnahmen wir einem 120 Hektar großen aber nur einen Meter tiefen See. Das Wasser war gewöhnungsbedürftig: salzig, dunkelbraun, und es stank an manchen Tagen nach Faulgasen. Doch es war ein wahres Vergnügen, damit den Durst zu stillen: bei 40 Grad im Schatten und eher antriebslos. Vorsichtshalber hatten wir es zuvor mit einer Chlorlösung entkeimt. Die Ernährung bestand aus mitgebrachten Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Reis und Nudeln sowie selbst gefangenem Fisch und Wildtieren. Der Verzehr des Fleisches war immer ein Wettlauf gegen Mücken und Bakterien. Nach zwei Wochen gab es einen blitzartigen Wintereinbruch, und die Temperatur sank in zwei Tagen um 25 Grad. Begleitet wurde alles durch starke und lange Regenfälle, so dass die Umgebung drei Zentimeter unter Wasser stand, da der stark ausgetrocknete Chacoboden nur sehr langsam das Wasser aufnahm. Drei Tage später kam es dann auch noch zu einer Invasion von Stechmücken, die zu jeder Tages- und Nachtzeit blutrünstig Manöver flogen. Es nahm einem teilweise fast den Verstand, da sie auch durch dickeren Hemdenstoff stachen und man keine brummfreie Minute hatte.

Durch den drastischen Temperaturabfall wurde das ohnehin lebenswichtige Feuer zum Mittelpunkt des Lebens. Es war Herd, Licht, Heizung, und selbstverständlich ersetzte es auch den Fernseher. Dies war sehr wichtig, da es von 17.30 bis 6 Uhr dunkel war und man ohne elektrisches Licht in der Nacht viel Freizeit hatte.

Oft krochen wir schon um 19 Uhr in die Schlafsäcke, da das "Fernsehprogramm" dem vom Vortag glich. Diese Zeit im Dunkeln führte regelmäßig zu Frustanfällen und bot die Möglichkeit, so richtig schön Heimweh zu bekommen. Wir verbrachten hier die wohl ruhigsten fünf Wochen unseres Lebens, in direkter Nachbarschaft mit Krokodilen, Wildschweinen und Raubkatzen.

Nach der Rückkehr in die Zivilisation schickten wir die Räder und 40 Kilogramm Ausrüstung per paraguayischer Post nach Deutschland. Nach insgesamt 6354 Kilometern auf dem Rad hatten wir einfach keine Lust mehr! Man kann uns momentan mit Trekkingrucksäcken bewaffnet und ausgestreckten Daumen am Rand von argentinischen Straßen sehen.
 
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