"Ich habe von all dem nichts gewusst"

Artikel aus der vom 07.08.2009

Der Tag rückt näher, an dem sich eine violette Farbspur durch Degeloch ziehen wird. Achtzig Kilometer wird sich die "Spur der Erinnerung" vom beschaulichen Gomadingen bis zum Stuttgarter Innenministerium über die Schwäbische Alb, das Neckarland und die Filderebene schlängeln. Achtzig Kilometer, die daran erinnern sollen, dass an diesen beiden Orten vor siebzig Jahren ein Massenmord an behinderten und psychisch kranken Menschen geplant und begangen wurde.

Begleitet werden soll das Farbband, das am 16. Oktober auf Degerlocher Straßen gemalt wird, von Ausstellungen und Informationsveranstaltungen. Denn die Organisatoren wollen über das systematische Töten aufklären und den Menschen Stoff zum Nachdenken geben. Den Auftakt bildet dabei am 1. September eine Ausstellung mit dem Titel: "Grafeneck: Der Massenmord in den Medien", an der sich die Stadtteilbücherei Degerloch und der "BLICK VOM FERNSEHTURM" beteiligen. Der Initiator Markus Herzig sieht für die Ausstellung einen großen Bedarf: "Bis zu dem Zeitpunkt, als ich angesprochen wurde, habe ich von all dem überhaupt nichts gewusst." Er habe spontan zugesagt und sei nach Grafeneck gefahren. Dabei seien ihm zwei Zeitungsausschnitte aufgefallen. Einer davon stammte aus den sechziger Jahren und "ging in blumiger Weise über die Morde hinweg", wie Herzig sagt. Ein anderer aus den achtziger Jahren sei zwar gut recherchiert, aber trotzdem fehlerhaft gewesen.

Daraus entstand die Idee, anhand der Berichterstattung zu illustrieren, wie der Massenmord in der ehemaligen Sommerresidenz württembergischer Herzöge verdrängt, kleingeredet und verfälscht dargestellt wurde. Denn Tatsache ist, dass Grafeneck der erste Ort systematisch-industrieller Ermordung von Menschen im nationalsozialistischen Deutschland überhaupt war. Getötet wurden vor allem behinderte und psychisch kranke Menschen, aber auch Kriminelle. Laut der Gedenkstätte in Grafeneck wurden insgesamt 10 654 Menschen zwischen Januar und Dezember 1940 mit Gas vernichtet.

Das Datum der Ausstellungseröffnung ist nicht willkürlich gewählt. Mit einem auf den 1. September 1939 datierten Brief Adolf Hitlers wurden die beteiligten Ärzte zu der "T 4" genannten Aktion ermächtigt. Dieser Beschluss stand am Ausgangspunkt ungeheuerlicher Verbrechen, bei denen nicht nur ein einheitliches Mordverfahren eingesetzt wurde, sondern bei denen auch ein Viertel der Täter von Grafeneck in Vernichtungslagern, wie Treblinka oder Auschwitz-Birkenau eingesetzt wurden. Von denen kamen die meisten ohne Strafe davon. Von den bis zu hundert Beteiligten wurden vor sechzig Jahren in Tübingen acht angeklagt und drei verurteilt. Die Höchststrafe betrug fünf Jahre.

In Pressetexten aus dem Jahr 1949 über den Prozess ist von einem "schwach besetzten Gerichtssaal" und "geringem Interesse" die Rede. Alle Angeklagten wiesen in der Verhandlung jede Schuld von sich oder gaben sie an verstorbene oder verschollene Vorgesetzte weiter. Nach dem Prozess schrieben Journalisten nur noch selten über das Thema, vor allem während der sechziger und siebziger Jahre ging der Massenmord in der allgemeinen Verdrängung der NS-Verbrechen unter. All das wüssten die Wenigsten, trotz der geringen Entfernung, sagt Herzig und fügt hinzu: "Bei den Jüngeren habe ich aber eher das Gefühl, dass die Bescheid wissen." Er selbst habe in der Schule kaum etwas über die NS-Zeit erfahren. "In der zehnten Klasse hörten wir mit der Weimarer Republik auf, in der Elften ging es wieder mit der Antike los."

Herzig erhofft sich von der Ausstellung möglichst viele Besucher, die sich auch über die Zeitungsausschnitte hinaus mit den grausamen Verbrechen beschäftigen und an den späteren Aktionen des Aktionskreises beteiligen. Denn, so sagt er: "Ich habe keine Ahnung, wie viele im Oktober wirklich pinseln."
 
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