Sommerferienaktion Krabbeltiere und kosmische Landschaften
Robin Szuttor, veröffentlicht am 02.09.2010
Lauterstein - Gleißendes Sonnenlicht auf einer Gebirgswand. Ein Wasserfall, umrahmt von türkisfarbenem Gischtnebel. Felsbröckchen, die einen sattgrünen Hang hinabrollen. Hinter dem Almenteppich leuchtet ein rosa Gletscher. Eine Stimmung der Harmonie. Alles fließt.
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So könnte man es sehen. Doch die Wirklichkeit ist viel nüchterner. Das bunte Bild zeigt den Kohlenwasserstoff Dimethylnaphthalin in 100-facher Vergrößerung. Vitamin B1 offenbart unter dem Mikroskop ein kantigeres Wesen: scherbenartige Gebilde, die schroff nach Raum greifen. Vitamin B2 wird im Superzoom zum visuellen Trip. Ein bildgewordener LSD-Rausch in explodierenden psychedelischen Farben.
Vor ein paar Milliarden Jahren entstand unser Sonnensystem aus einer Supernova. Die Erde, der Mensch, jede kleinste Substanz: alles Produkte aus Sternenstaub und kristallinen Teilchen. Manfred Kage erforscht diese Urmaterie mit der Kamera. Mehr als 2000 "Porträts", wie er sie nennt, von kristallinen Stoffen hat er im Archiv. Eine Sammlung kosmischen Designs, für das menschliche Auge sichtbar gemacht.
Als Bub baut Kage, Jahrgang 35, aus einer Zündspule, einem Fahrradlenker, einem Zahnarztspiegelchen und einem alten Wehrmachtsobjektiv, das er irgendwo in den Trümmern von Stuttgart findet, sein erstes Mikroskop. Zum Kieselalgengucken. Er vergrößert stur weiter, studiert Chemie, entwickelt später Tapetenkleister im Labor einer Wiesbadener Firma. Eines Tages, Kage analysiert gerade auskristallisiertes Magnesiumsulfat unter dem Mikroskop, geschieht etwas mit ihm. "Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ich sah plötzlich ganz anders. Völlig losgelöst von jeglicher wissenschaftlicher Perspektive."
Er sieht Hell-Dunkel-Kompositionen. Strukturen, die zueinanderdrängen. Gefüge, die ihre Ordnung verlieren. Rhythmische Abläufe. "Ich fühlte mich wie ein Archäologe, der in eine ägyptische Grabkammer vorgedrungen ist und den Goldsarg hebt." Seine Idee ist, Kristalle in Fotokunst zu verwandeln. Es wird eine Pionierarbeit. Forscher züchten damals zwar intensiv Vitamin-, Hormon- oder Flüssigkristalle. Der Formenschönheit widmet sich keiner. "Weil naturwissenschaftliches Selbstverständnis auf quantitative Messungen dressiert war", sagt Manfred Kage.
Er veröffentlicht sein erstes Foto: Zinnkristalle in Schwarz-Weiß. Ihm reicht das nicht. Um seine Motive zum Leuchten zu bringen, experimentiert er mit Polarisationsoptik, Schräglicht und Kaleidoskopen. Er erfindet den Polychromator, einen Filter mit ineinander verdrehbaren Scheiben und einer Beschichtung, deren Rezept er bis heute nicht preisgegeben hat.
Bald verfügt Kage über ein riesiges Farbenspektrum mit beispielloser Schärfe und Transparenz. Das Extravagante seiner Methode: die Bilder sind nicht willkürlich eingefärbt, Kages Technik entschlüsselt Naturcodes. Wo sich die Richtung von Molekülen ändert, wechseln auch die Farben.
Seine Kunst wird ausgestellt. Seine "Kristall-Performance" gewinnt in den Sechzigern den ersten Preis auf der Biennale von San Marino. Mit seinem Xenon-Audioskop macht er Musik sichtbar. Für Salvador Dali zaubert er fantastische Landschaften auf die Oberfläche einer Kugelschreiberhülse. Er denkt sich Spezialeffekte für Science-Fiction-Filme aus.
Ein Blick in sein ausuferndes Privatmuseum auf Schloss Weißenstein im Kreis Göppingen lässt Manfred Kages Ruhelosigkeit und das Fieberhafte seiner Arbeit ahnen: Geräte für Stereofotografie, Fluoreszenzfotografie, Endoskopfotografie, eine Röntgenausrüstung, verschiedene Apparaturen zur Visualisierung von Strömungsvorgängen und elektrischen Strahlungsfeldern, Rasterelektronenmikroskope.
Mit Hilfe seines Gamma-Discriminators gelingt es ihm, farbige Elektronenmikroskop-Bilder zu machen. Die Objekte werden zuvor mit Gold bedampft, 300000 Volt und 30 Minuten Vakuum ausgesetzt. Larven einer Wespenart überleben die Prozedur. Kage kann sie beim Schlüpfen fotografieren - "ein faszinierender Zufall". Auf anderen Fotos glotzen Borkenkäfer in die Linse, präsentieren Bärtierchen ihre Stummelbeinchen, zeigen Stinkwanzen, was sie haben. Da bleibt nichts mehr verborgen.
Seit einigen Jahren filmt Manfred Kage mit seiner Frau Christina und Tochter Ninja-Nadine Mikroorganismen im Wasser. Und er wird weiter in die Mikrowelt eintauchen. Sich dem Meereskrebschen widmen: durchsichtig wie Glas, nur in der Mitte schlägt ein bernsteinfarbenes Herz. Dem Wimpertierchen, das in 220-facher Vergrößerung an den Pelzmuff von Gräfinnen aus Tolstoiromanen erinnert. Dem bläulich schimmernden Labyrinth mit Wänden wie aus Seide. Man könnte das Ganze natürlich auch schlicht Triphenylmethan nennen, ein beliebter Rohstoff in der Pharmaindustrie. Aber das wäre eine sehr verkleinerte Sicht der Dinge.
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So könnte man es sehen. Doch die Wirklichkeit ist viel nüchterner. Das bunte Bild zeigt den Kohlenwasserstoff Dimethylnaphthalin in 100-facher Vergrößerung. Vitamin B1 offenbart unter dem Mikroskop ein kantigeres Wesen: scherbenartige Gebilde, die schroff nach Raum greifen. Vitamin B2 wird im Superzoom zum visuellen Trip. Ein bildgewordener LSD-Rausch in explodierenden psychedelischen Farben.
Kosmisches Design fürs menschliche Auge sichtbar gemacht
Vor ein paar Milliarden Jahren entstand unser Sonnensystem aus einer Supernova. Die Erde, der Mensch, jede kleinste Substanz: alles Produkte aus Sternenstaub und kristallinen Teilchen. Manfred Kage erforscht diese Urmaterie mit der Kamera. Mehr als 2000 "Porträts", wie er sie nennt, von kristallinen Stoffen hat er im Archiv. Eine Sammlung kosmischen Designs, für das menschliche Auge sichtbar gemacht.
Als Bub baut Kage, Jahrgang 35, aus einer Zündspule, einem Fahrradlenker, einem Zahnarztspiegelchen und einem alten Wehrmachtsobjektiv, das er irgendwo in den Trümmern von Stuttgart findet, sein erstes Mikroskop. Zum Kieselalgengucken. Er vergrößert stur weiter, studiert Chemie, entwickelt später Tapetenkleister im Labor einer Wiesbadener Firma. Eines Tages, Kage analysiert gerade auskristallisiertes Magnesiumsulfat unter dem Mikroskop, geschieht etwas mit ihm. "Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ich sah plötzlich ganz anders. Völlig losgelöst von jeglicher wissenschaftlicher Perspektive."
Seine Idee: Kristalle in Fotokunst verwandeln
Er sieht Hell-Dunkel-Kompositionen. Strukturen, die zueinanderdrängen. Gefüge, die ihre Ordnung verlieren. Rhythmische Abläufe. "Ich fühlte mich wie ein Archäologe, der in eine ägyptische Grabkammer vorgedrungen ist und den Goldsarg hebt." Seine Idee ist, Kristalle in Fotokunst zu verwandeln. Es wird eine Pionierarbeit. Forscher züchten damals zwar intensiv Vitamin-, Hormon- oder Flüssigkristalle. Der Formenschönheit widmet sich keiner. "Weil naturwissenschaftliches Selbstverständnis auf quantitative Messungen dressiert war", sagt Manfred Kage.
Er veröffentlicht sein erstes Foto: Zinnkristalle in Schwarz-Weiß. Ihm reicht das nicht. Um seine Motive zum Leuchten zu bringen, experimentiert er mit Polarisationsoptik, Schräglicht und Kaleidoskopen. Er erfindet den Polychromator, einen Filter mit ineinander verdrehbaren Scheiben und einer Beschichtung, deren Rezept er bis heute nicht preisgegeben hat.
Kages Technik entschlüsselt Naturcodes
Bald verfügt Kage über ein riesiges Farbenspektrum mit beispielloser Schärfe und Transparenz. Das Extravagante seiner Methode: die Bilder sind nicht willkürlich eingefärbt, Kages Technik entschlüsselt Naturcodes. Wo sich die Richtung von Molekülen ändert, wechseln auch die Farben.
Seine Kunst wird ausgestellt. Seine "Kristall-Performance" gewinnt in den Sechzigern den ersten Preis auf der Biennale von San Marino. Mit seinem Xenon-Audioskop macht er Musik sichtbar. Für Salvador Dali zaubert er fantastische Landschaften auf die Oberfläche einer Kugelschreiberhülse. Er denkt sich Spezialeffekte für Science-Fiction-Filme aus.
Objekte werden zuvor mit Gold bedampft
Ein Blick in sein ausuferndes Privatmuseum auf Schloss Weißenstein im Kreis Göppingen lässt Manfred Kages Ruhelosigkeit und das Fieberhafte seiner Arbeit ahnen: Geräte für Stereofotografie, Fluoreszenzfotografie, Endoskopfotografie, eine Röntgenausrüstung, verschiedene Apparaturen zur Visualisierung von Strömungsvorgängen und elektrischen Strahlungsfeldern, Rasterelektronenmikroskope.
Mit Hilfe seines Gamma-Discriminators gelingt es ihm, farbige Elektronenmikroskop-Bilder zu machen. Die Objekte werden zuvor mit Gold bedampft, 300000 Volt und 30 Minuten Vakuum ausgesetzt. Larven einer Wespenart überleben die Prozedur. Kage kann sie beim Schlüpfen fotografieren - "ein faszinierender Zufall". Auf anderen Fotos glotzen Borkenkäfer in die Linse, präsentieren Bärtierchen ihre Stummelbeinchen, zeigen Stinkwanzen, was sie haben. Da bleibt nichts mehr verborgen.
Seit einigen Jahren filmt Manfred Kage mit seiner Frau Christina und Tochter Ninja-Nadine Mikroorganismen im Wasser. Und er wird weiter in die Mikrowelt eintauchen. Sich dem Meereskrebschen widmen: durchsichtig wie Glas, nur in der Mitte schlägt ein bernsteinfarbenes Herz. Dem Wimpertierchen, das in 220-facher Vergrößerung an den Pelzmuff von Gräfinnen aus Tolstoiromanen erinnert. Dem bläulich schimmernden Labyrinth mit Wänden wie aus Seide. Man könnte das Ganze natürlich auch schlicht Triphenylmethan nennen, ein beliebter Rohstoff in der Pharmaindustrie. Aber das wäre eine sehr verkleinerte Sicht der Dinge.
Führung:
Familie Kage öffnet am 12. und 13. September, 14 Uhr, die Tore von Schloss Weißenstein. Die zweistündige Führung durch die Mikrowelten kostet zehn Euro. Anmeldung und Informationen unter Tel. 07332/966 90.Laden Sie hier Ihre Bilder hoch »
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