Long Island Expressway
Mein Ziehvater: der Spion, der mich liebte
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 12.06.2003
Filmbeschreibung
Howies Zuhause ist die leere Schale eines Traums, eine Muschel, aus der das zugehörige Leben lange schon hinausgestorben ist. Die Möbeloberflächen in dem prächtigen Vorstadthaus bieten jene glatten Oberflächen, in denen die Erfolgreichen sich selbst den ganzen Tag beobachten möchten. Aber seit Howies Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, verdoppelt und verdreifacht sich in diesen Oberflächen nur eine nicht zu füllende Leere.
Der 15-jährige Howie (Paul Franklin Dano) begreift nicht, dass die Zuchtbullenshow, die der keuchende Vater mit der neuen Freundin Tag und Nacht absolviert, kein Akt der Herzlosigkeit ist, sondern einer der Verzweiflung. Er schätzt auch die Krise nicht richtig ein, in die der Vater, ein Bauunternehmer, hineinschlittert, registriert nicht den nackten Ernst der Handybrüllereien, in denen es um den Brand in einem Sozialbau und Verstöße gegen Bauauflagen geht; dass also Daddys Versuche des Hausbaus nicht nur im Privaten gescheitert sind. Howie weiß nur, dass da, wo angeblich der Mittelpunkt seines jungen Lebens liegt, ein Krater gähnt.
Doch diese schmerzhafte Ablösung vom Vater und vom häuslichen Geborgenheitsgefühl ist nur ein kleiner Teil jener Unsicherheitserfahrungen, mit denen Regisseur Michael Cuesta und Koautor Steve Ryder Howie Blitzers Pubertät und eine Vorstadt in Long Island unterhöhlen. L.I.E. heißt ihr Film, und das ist die offizielle Abkürzung für Long Island Expressway, für die Autobahn, über deren mehrspurigen Verkehr Howie einmal auf einem Brückengeländer balanciert, als Schicksalsprobe, ob eine höhere Macht denn wirklich will, dass er sich hier unten noch abplagt mit Menschen und Gefühlen, die er nicht in den Griff bekommt. LIE steht aber auch für Lüge, für die falschen Fassaden der Leben und für die falschen Erklärungen für unser Denken, Trachten und Handeln, die wir uns zuflüstern.
Da ist zum Beispiel Howies Kumpel Gary, mit dem er immer wieder in Häuser einbricht. Howie wagt sich nicht einzugestehen, wie er sich von Gary angezogen fühlt. Gary verschweigt, dass er als Stricher arbeitet. Und Gary lässt Howie hängen, als ein Einbruch bei seinem Freier Big John schief geht und der Mann Howie an den Wickel bekommt. Big John ist die Fleisch gewordene Unberechenbarkeit, und er steht für mehr als die undurchschaubaren Nachbarn in der Großstadt. Er steht auch für ein politisches Unbehagen Amerikas an sich selbst.
Big John, der Päderast, der regelmäßig den Kinderstrich abfährt, hat eine genuin väterliche Seite. Er will Howie zu sexuellen Dienstleistungen erpressen und sucht echte Freundschaft. Er setzt seinen bisherigen Lebensgefährten vor die Tür und redet sich ein, das sei nur eine Trennung für ein paar Tage. Er wohnt in einem nach Weihrauch duftenden Goldtapetenhaus, aber im Keller stapeln sich Erinnerungen an seine Zeit als Marine in Vietnam, einschließlich einiger Fotos vom brutalen Umgang mit Gefangenen. Er ist entweder Frührentner oder in zwielichtigen Geschäften unterwegs, und als er andeutet, dass er Schmutzarbeit für die Regierung erledigt, da prahlt er nur vielleicht. Brian Cox ("25 Stunden") spielt diesen abgründigen Patrioten und gefährlichen Ziehvater, und selbst wenn der Film nichts zu bieten hätte als dieses Charakterporträt, wäre er schon sehenswert.
Aber Cuesta, ein ehemaliger Werbefilmer, geht in seinem Debüt mit bewundernswerter Behutsamkeit zu Wege. Sein Blick auf die Vorstadt ist von einer halb dokumentarischen Vorsichtigkeit, die nie Überblick suggeriert, sondern immer das Vorläufige und Bruchstückhafte der Erkenntnisse betont. Ganz ähnlich wie "Mein erstes Wunder" hält er in der Schwebe, was da zwischen einem Erwachsenen und einem Kind geschieht. Er lässt uns die Möglichkeit, das als sexuellen Missbrauch zu sehen, aber er inszeniert keinen Muster-, sondern einen Grenzfall. Da besteht eine Diskrepanz zwischen Big Johns anfänglichen Impulsen und seinem späteren Handeln, als wolle Cuesta die böse Lehre aus sexuellen Missbrauchsfällen, dass jeder irgendwann zu allem fähig scheint, im Umkehrschluss bestätigen. Indem er zeigt, dass auch ein ziemlicher Dreckskerl seinen Moment reinsten Anstands haben kann.
Der Long Island Expressway, erklärt uns Howie, habe Spuren nach Westen, Spuren nach Osten, und Spuren, die direkt in die Hölle führten. Etwas Ähnliches könnte man von Michael Cuestas Film sagen. Der führt uns auf seltsamen Wegen zu Erkenntnissen über seine Figuren, aber wir sind am Ende nicht sicher, ob wir diesen Menschen nun an einen Ort größerer Geborgenheit oder in eine neue Hölle gefolgt sind.
Der 15-jährige Howie (Paul Franklin Dano) begreift nicht, dass die Zuchtbullenshow, die der keuchende Vater mit der neuen Freundin Tag und Nacht absolviert, kein Akt der Herzlosigkeit ist, sondern einer der Verzweiflung. Er schätzt auch die Krise nicht richtig ein, in die der Vater, ein Bauunternehmer, hineinschlittert, registriert nicht den nackten Ernst der Handybrüllereien, in denen es um den Brand in einem Sozialbau und Verstöße gegen Bauauflagen geht; dass also Daddys Versuche des Hausbaus nicht nur im Privaten gescheitert sind. Howie weiß nur, dass da, wo angeblich der Mittelpunkt seines jungen Lebens liegt, ein Krater gähnt.
Doch diese schmerzhafte Ablösung vom Vater und vom häuslichen Geborgenheitsgefühl ist nur ein kleiner Teil jener Unsicherheitserfahrungen, mit denen Regisseur Michael Cuesta und Koautor Steve Ryder Howie Blitzers Pubertät und eine Vorstadt in Long Island unterhöhlen. L.I.E. heißt ihr Film, und das ist die offizielle Abkürzung für Long Island Expressway, für die Autobahn, über deren mehrspurigen Verkehr Howie einmal auf einem Brückengeländer balanciert, als Schicksalsprobe, ob eine höhere Macht denn wirklich will, dass er sich hier unten noch abplagt mit Menschen und Gefühlen, die er nicht in den Griff bekommt. LIE steht aber auch für Lüge, für die falschen Fassaden der Leben und für die falschen Erklärungen für unser Denken, Trachten und Handeln, die wir uns zuflüstern.
Da ist zum Beispiel Howies Kumpel Gary, mit dem er immer wieder in Häuser einbricht. Howie wagt sich nicht einzugestehen, wie er sich von Gary angezogen fühlt. Gary verschweigt, dass er als Stricher arbeitet. Und Gary lässt Howie hängen, als ein Einbruch bei seinem Freier Big John schief geht und der Mann Howie an den Wickel bekommt. Big John ist die Fleisch gewordene Unberechenbarkeit, und er steht für mehr als die undurchschaubaren Nachbarn in der Großstadt. Er steht auch für ein politisches Unbehagen Amerikas an sich selbst.
Big John, der Päderast, der regelmäßig den Kinderstrich abfährt, hat eine genuin väterliche Seite. Er will Howie zu sexuellen Dienstleistungen erpressen und sucht echte Freundschaft. Er setzt seinen bisherigen Lebensgefährten vor die Tür und redet sich ein, das sei nur eine Trennung für ein paar Tage. Er wohnt in einem nach Weihrauch duftenden Goldtapetenhaus, aber im Keller stapeln sich Erinnerungen an seine Zeit als Marine in Vietnam, einschließlich einiger Fotos vom brutalen Umgang mit Gefangenen. Er ist entweder Frührentner oder in zwielichtigen Geschäften unterwegs, und als er andeutet, dass er Schmutzarbeit für die Regierung erledigt, da prahlt er nur vielleicht. Brian Cox ("25 Stunden") spielt diesen abgründigen Patrioten und gefährlichen Ziehvater, und selbst wenn der Film nichts zu bieten hätte als dieses Charakterporträt, wäre er schon sehenswert.
Aber Cuesta, ein ehemaliger Werbefilmer, geht in seinem Debüt mit bewundernswerter Behutsamkeit zu Wege. Sein Blick auf die Vorstadt ist von einer halb dokumentarischen Vorsichtigkeit, die nie Überblick suggeriert, sondern immer das Vorläufige und Bruchstückhafte der Erkenntnisse betont. Ganz ähnlich wie "Mein erstes Wunder" hält er in der Schwebe, was da zwischen einem Erwachsenen und einem Kind geschieht. Er lässt uns die Möglichkeit, das als sexuellen Missbrauch zu sehen, aber er inszeniert keinen Muster-, sondern einen Grenzfall. Da besteht eine Diskrepanz zwischen Big Johns anfänglichen Impulsen und seinem späteren Handeln, als wolle Cuesta die böse Lehre aus sexuellen Missbrauchsfällen, dass jeder irgendwann zu allem fähig scheint, im Umkehrschluss bestätigen. Indem er zeigt, dass auch ein ziemlicher Dreckskerl seinen Moment reinsten Anstands haben kann.
Der Long Island Expressway, erklärt uns Howie, habe Spuren nach Westen, Spuren nach Osten, und Spuren, die direkt in die Hölle führten. Etwas Ähnliches könnte man von Michael Cuestas Film sagen. Der führt uns auf seltsamen Wegen zu Erkenntnissen über seine Figuren, aber wir sind am Ende nicht sicher, ob wir diesen Menschen nun an einen Ort größerer Geborgenheit oder in eine neue Hölle gefolgt sind.
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