Drei Engel für Charlie - Volle Power

Kampfstuten an der Leine

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 10.07.2003
Filmbeschreibung
Für manche Menschen ist ein Abend schon aufregend, wenn neben ihnen jemand ein Rotweinglas umkippt. Natalie, Dylan und Alex sind da anspruchsvoller. Eine Hundertschaft schwer bewaffneter Söldner ist das Minimum an Spaß, das sie auf einer Party erwarten. Zu Beginn von "Drei Engel für Charlie - Volle Power" befreien die drei kämpferischen Damen (Cameron Diaz, Drew Barrymore und Lucy Liu) einen Mann aus einem Folterkeller tief im Reich des Bösen.

Sie prügeln sich mit akrobatischen Schnalzern durch die erwähnte Horde Halsabschneider, betrachten das aber nur als Aufwärmübung. Mit einem geklauten Militärlaster in halsbrecherischer Fahrt davonzudonnern, mit dem schweren Gefährt schluchtabwärts zu stürzen, dabei einen Hubschrauber auf der Ladefläche startklar zu machen, die Maschine kurz vor dem Aufschlag in die Luft zu bringen, das sind erst die richtigen Späßchen, die den Blutdruck der Engel auf Amüsierniveau treiben - mit anderen Worten: Der Beginn dieses Films ist unwiderstehlicher Nonsens.

Diese Anfangssequenz, eine Parodie auf die James-Bond-Filme, ist frei von jedem Anspruch auf Realismus. Sie schafft sich, wie ein gelungen schriller Comicstrip, ihre eigenen Regeln. Diese Wirkung hat der Regisseur, der sich nur McG nennt, schon vor drei Jahren bei der ersten Kinoadaption der Fernsehserie "Drei Engel für Charlie" zu erzwingen versucht. Aber damals war sein Timing schlechter, seine Fantasie begrenzter, sein Inszenierungsstil weniger fröhlich-albern als rotzig-beliebig. Doch noch während wir uns freuen, dass ihm der Irrwitz diesmal fröhlicher gerät, fasst uns auch schon die Sorge an. Es ist die halsbrecherische Geschwindigkeit des Unfugs, die uns gefangen nimmt, die stete Steigerung, die uns zum Lächeln bringt.

Kann der Film dieses Tempo durchhalten? Was passiert, wenn er anhalten und Luft holen muss? Diese Frage beantwortet sich schneller, als uns lieb ist. Nach wenigen Minuten geht "Charlie’s Angels - Full Throttle", so der Originaltitel, die Puste aus. Er versucht dann, uns die Notvariante einer Geschichte zu erzählen, in der gestohlene Datensätze eine Rolle spielen, die für alle Schurken des Globus von höchstem Interesse sind. Diese Szenen sind starr wie kalte Lava. McGs Film ist eine surreale Akrobatikshow, die nur in den Momenten lebt, in denen seine Heldinnen als fliegende Kampfstuten nach allen Seiten mit den Hufen ausschlagen.

Doch obwohl "Charlie’s Angels 2" es ganz und gar nicht darauf anlegt, unserem Gehirn Knabbernahrung anzubieten, entwickelt er einen interessanten Subtext. Die drei Engel legen sich permanent mit Männern an, und das entwickelt im zweiten Teil mehr Methode als im ersten. Drew Barrymore schmettert nicht nur einen armen netten Kerl zu Boden, der ihr den Hof machen will. Sie wird auch noch von einem finsteren Exfreund verfolgt, dem Urbild des Frauen prügelnden Machos. Die Auseinandersetzungen mit ihm bekommen eine ganz andere Dimension als die üblichen dienstlichen Kloppereien. Hier will einer der Frau den Schneid abkaufen, will die Losgekommene wieder unterwerfen.

Dieser Emanzipationskampf spiegelt sich auch in einer beginnenden Midlife-Crisis der Engel. Sie sitzen manchmal in dem Zimmer herum, in dem ihnen die Stimme des verborgenen Bosses Aufträge erteilt, und denken über ihre Zukunft nach: ob es nun schlimmer ist, durch Heirat aus der Riege kämpfender Frauen auszuscheiden oder als alternder Engel eine alberne Figur abzugeben.

Das Karateengeldasein, diese auf die Dynamik der straffen, jungen Körper angelegte Frauenbefreiungsvariante, wird um ein Haar als Männerfantasie entlarvt, als Ideal, dem eine Frau nur kurz gerecht werden kann. In diesen Momenten scheint nichts dran zu sein an der Theorie, die konservative Revolution von George W. Bush mache sich auch im Frauenbild von Hollywoods Popcornproduktionen bemerkbar.

Doch dann taucht die eigentlich böse Kraft dieses Films auf, ein ehemaliger Engel, eine starke Frau, die sich selbstständig gemacht, also aus der Kontrolle durch ihren männlichen Führungsoffizier gelöst hat. Diese unabhängig gewordene weibliche Energie wird uns als der Gipfel an Hochmut, Bosheit und Gefühlskälte vorgeführt - und ist besonders einschüchternd, weil sie fraglos kompetent ist.

Diese Verteufelung der Karrierefrau wird sinnigerweise von Demi Moore gespielt, die in den Neunzigern als Vorzeigeamazone galt - und die mit ihrer Rolle als "G.I. Jane" ihren Marktwert als Sexsymbol ruiniert hatte.

Mit Demi Moore als Feindbild verneint dieser Film seinen emanzipatorischen Subtext, er wird zu einer heimlichen Lobpreisung der männlichen Lenkung weiblicher Energie. Gute Engel hören auf die Stimme ihres Führungsoffiziers und pflegen ihren Vaterkomplex. Nein, an den Herd scheint Hollywood die Frau in der Ära Bush nicht zurückzuschicken. Sie darf immer noch überall hin, vorausgesetzt, sie streift die Leine nicht ab.
 
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