Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Kino


Tränen der Sonne

Missionare in Uniform

Thomas Basgier, veröffentlicht am 28.08.2003
Filmbeschreibung
Der nächste von Amerika angezettelte Krieg steht bereits vor der Tür. Seine Schlachtfelder werden nicht mehr im Nahen Osten liegen, sondern im Herzen von Afrika.

Folgt man der Botschaft von Antoine Fuquas politisch eindeutigem Heldenverehrungsepos "Tränen der Sonne", dann kann die aktuelle US-Intervention in Liberia nicht mehr als einen läppischen Anfang darstellen, dann werden schon bald wesentliche Teile des "Dunklen Kontinents" aus ihren verworrenen Verhältnissen, sprich: aus ihrer scheinbaren demokratischen Rückständigkeit befreit werden. Und glaubt man Fuquas martialischer Bombastikoper weiter, dann beruht der als unabdingbar deklarierte Befreiungsakt keineswegs auf dem Hegemonialstreben einer Supermacht: Die USA, so wird uns hier vorgegaukelt, haben in Afrika kein Eigeninteresse - wenn sie eingreifen, handeln sie ausschließlich aus humanitären Gründen.

Also erscheint die US-Navy als verkapptes Rotes Kreuz und Bruce Willis als beinharter Obersamariter - das mag so recht nach dem Geschmack Washingtoner Falken sein, doch dem europäischen Zuschauer wird flau um die Magengegend. Mission, so lautet ein Schlüsselwort des Films, und sein Plot ist zügig erzählt: Eine achtköpfige Spezialeinheit unter Führung von Leutnant Waters, eben Mr. Willis, startet von einem Flugzeugträger in ein vom Bürgerkrieg heimgesuchtes afrikanisches Land. Ziel des Auftrags: die amerikanische Missionsärztin Kendricks (Monica Bellucci) retten. Sie leitet in Albert-Schweitzer-Manier ein Buschkrankenhaus, das von brandschatzenden muslimischen(!) Rebellen bedroht wird.

Frau Doktor weigert sich allerdings, sich ausfliegen zu lassen, sie will nicht ohne ihre Patienten fliehen. Scheinheilig willigt Waters ein. Ein Trupp von hochgerüsteten Soldaten und lauter Gebrechlichen kämpft sich folglich durch den Dschungel zum verabredeten Landeplatz der Hubschrauber. Dort fackelt der Anführer nicht lange, zerrt Kendricks in den Helikopter und lässt ein bedauernswertes Grüppchen fußkranker und malader Schwarzer zurück. Die Ärztin tobt, der Leutnant schweigt - so lange, bis die Missionsstation von oben noch einmal in den Blick kommt. Sie liegt in Schutt und Asche, und Waters findet gewissensgeplagt seine Sprache wieder: Er erteilt den Befehl zur Umkehr und widersetzt sich damit der Order, jede Einmischung zu vermeiden.

Die Geschehnisse während des erneuten Marsches quer durch den Regenwald in Richtung kamerunische Grenze, die direkte Konfrontation mit den marodierenden Banden, die wachsende Opferbereitschaft der Marines für jene, welche sie plötzlich als ihre Schutzbefohlenen auserkoren haben - all dies ist Teil eines filmischen Traktats über die Legitimation militärischer Interventionen jenseits des Völkerrechts. Um Waters eigenmächtige Mission, die von seinem Vorgesetzten im Nachhinein abgesegnet wird, nicht nur plausibel, sondern als ethische Notwendigkeit unangreifbar zu machen, operiert "Tränen der Sonne" mit Einstellungen voller Drastik. Er zeigt die schwarzen Rebellen als inhumane Bestien: Die Bilder von totgeschlagenen Babys, von Frauen mit abgeschnittenen Brüsten kontrastieren maximal mit der visuellen, teils christlich konnotierten Überhöhung, die der Film seinen soldatischen Märtyrerhelden angedeihen lässt.

Auch die ideologisch verbrämte Argumentationsweise ist in "Tränen der Sonne" gesättigt von solcherlei Perfidie: Den Finger auf die zusammengekauerten Afrikaner gerichtet, sagt der farbige Sergeant Pettigrew einmal zu Waters: "Wenn du für sie kämpfst, kämpfst du auch für mich." Im Klartext heißt das: Ein amerikanischer Rundumschlag auf dem lange vergessenen Kontinent wäre eine Wiedergutmachung für die Versklavung von Schwarzen in den Staaten und für Jahrzehnte der Rassendiskriminierung.

Früher war es der Vietcong, den man propagandistisch zum Bösen schlechthin hochstilisierte. "Tränen der Sonne" bedient sich der gleichen Propagandamittel, um nun das Feindbild von den muslimischen Kämpfern zu zementieren. Das Ergebnis des Vietnamkriegs ist bekannt, aber offenbar will sich niemand mehr daran erinnern. Schon gar nicht in Hollywood.
 
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