Identität
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Ulrich Kriest, veröffentlicht am 18.09.2003
Filmbeschreibung
Dieser Film ist eine echte Unverschämtheit. Haben wir das nicht alles schon mal gesehen? Das abgelegene Motel mit dem sinistren Nachtportier? Die energische Hure mit Herz? Den undurchsichtigen Polizisten? Den netten Kumpeltyp? Die sich langsam und stur in dunkle Ecken vorwärts tastende Kamera? Dass zehn Menschen zufällig zusammentreffen, die alle am gleichen Tag Geburtstag haben? Ist James Mangolds "Identität" etwa ein Nachzügler jener modischen Horrorfilme wie "Scream", die ihr offenes Spiel mit sämtlichen Regeln des Genres mit dem Wissen der Zuschauer um diese Regeln zu einem abgründigen Vergnügen kombinierten?
Weit gefehlt! "Identität" dreht die Schraube erheblich weiter und dürfte einer der spannendsten und intelligentesten Filme der Saison sein. Ein wahrlich atemberaubender Auftakt, bei dem ein provozierend beiläufig ausgespieltes Detail und richtig schlechtes Wetter die Kette von Ereignissen in Bewegung setzen, endet wie üblich damit, dass die am klaustrophobischen Countdown Beteiligten sich am Ort ihres Sterbens einfinden. Auch was dann geschieht, ist konventionell: Figurenexpositionen, die ersten Morde, die ersten Verdächtigungen, Panik. Man kennt das aus Agatha-Christie-Krimis, aber ebendort musste man auch lernen, dass Aufmerksamkeit der Mühe nicht lohnt, weil der letzte Trumpf, die letzte Volte, stets eine Dimension aufs Geschehen eröffnete, zu der man zuvor überhaupt keinen Zugang hatte.
"Identität" ist da anders, der Regisseur Mangold und der Drehbuchautor Michael Cooney spielen nicht mit gezinkten Karten, geizen nicht mit kleinen Hinweisen, die es dem Zuschauer erlauben, das Puzzle zusammenzusetzen. Gesetzt den Fall, er findet den Mut, sich auf die je aberwitzigste Logik einzulassen. Als scheinbar retardierendes Moment wird eine Parallelhandlung eingeführt, die zunächst nichts mit der Mordserie zu tun zu haben scheint: Ein Anwalt bemerkt, dass es sich bei seinem sich bereits in der Todeszelle befindlichen Mandanten offenbar um eine multiple Persönlichkeit handelt, und versucht in letzter Sekunde, dessen Begnadigung wegen Schuldunfähigkeit zu erwirken.
Ein Spiel auf Zeit, das vielleicht in derselben Nacht stattfindet, in der die Motelgeschichte stattfindet. Vielleicht, versehen mit einem dicken Fragezeichen. Während man also im Kino sitzt und wunderbaren Schauspielern wie Ray Liotta, John Cusack oder Amanda Peet dabei zusieht, wie sie versuchen, am Leben zu bleiben und dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen, wird man mit falschen Fährten genarrt und in Atem gehalten. Jede weitere Leiche ist ein höhnischer Hinweis, hier mit allem zu rechnen. Wenn "Identität" schließlich seine vorletzte Trumpfkarte ausspielt, steht unvermittelt alles, was man bis dato gesehen hat, in einem anderen Licht da. Alles gerät plötzlich zur Geschichte eines Menschen, der versucht, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Was nicht notwendig positiv zu werten ist.
Weit gefehlt! "Identität" dreht die Schraube erheblich weiter und dürfte einer der spannendsten und intelligentesten Filme der Saison sein. Ein wahrlich atemberaubender Auftakt, bei dem ein provozierend beiläufig ausgespieltes Detail und richtig schlechtes Wetter die Kette von Ereignissen in Bewegung setzen, endet wie üblich damit, dass die am klaustrophobischen Countdown Beteiligten sich am Ort ihres Sterbens einfinden. Auch was dann geschieht, ist konventionell: Figurenexpositionen, die ersten Morde, die ersten Verdächtigungen, Panik. Man kennt das aus Agatha-Christie-Krimis, aber ebendort musste man auch lernen, dass Aufmerksamkeit der Mühe nicht lohnt, weil der letzte Trumpf, die letzte Volte, stets eine Dimension aufs Geschehen eröffnete, zu der man zuvor überhaupt keinen Zugang hatte.
"Identität" ist da anders, der Regisseur Mangold und der Drehbuchautor Michael Cooney spielen nicht mit gezinkten Karten, geizen nicht mit kleinen Hinweisen, die es dem Zuschauer erlauben, das Puzzle zusammenzusetzen. Gesetzt den Fall, er findet den Mut, sich auf die je aberwitzigste Logik einzulassen. Als scheinbar retardierendes Moment wird eine Parallelhandlung eingeführt, die zunächst nichts mit der Mordserie zu tun zu haben scheint: Ein Anwalt bemerkt, dass es sich bei seinem sich bereits in der Todeszelle befindlichen Mandanten offenbar um eine multiple Persönlichkeit handelt, und versucht in letzter Sekunde, dessen Begnadigung wegen Schuldunfähigkeit zu erwirken.
Ein Spiel auf Zeit, das vielleicht in derselben Nacht stattfindet, in der die Motelgeschichte stattfindet. Vielleicht, versehen mit einem dicken Fragezeichen. Während man also im Kino sitzt und wunderbaren Schauspielern wie Ray Liotta, John Cusack oder Amanda Peet dabei zusieht, wie sie versuchen, am Leben zu bleiben und dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen, wird man mit falschen Fährten genarrt und in Atem gehalten. Jede weitere Leiche ist ein höhnischer Hinweis, hier mit allem zu rechnen. Wenn "Identität" schließlich seine vorletzte Trumpfkarte ausspielt, steht unvermittelt alles, was man bis dato gesehen hat, in einem anderen Licht da. Alles gerät plötzlich zur Geschichte eines Menschen, der versucht, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Was nicht notwendig positiv zu werten ist.
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