Mystic River

Mit kaputten Federn

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 27.11.2003
Filmbeschreibung
Irgendwann ist die Tür zu, das Auto fährt, und wir wissen, dass der Junge, der nun ängstlich durch die Scheibe zurückschaut, in eine Falle gegangen ist. Mit dieser frühen Szene führt Clint Eastwood in seiner Regiearbeit "Mystic River" ein Motiv ein, dass bis zum Schluss die Handlung bestimmen wird. Es geht um Männer in der Falle, um Fremdbestimmung, um das unausweichliche Entfernen voneinander, um existenzielle Hilflosigkeit und die Drohung zerstörerischer Gewalt. "Mystic River" ist äußerlich ein Krimi, die Verfilmung eines Romans von Dennis Lehane. Innerlich ist es ein religiöser Film über Bestimmung und freien Willen, über Opfergänge und Opferrituale, über Demut und Hochmut, Keuschheit und Lust.

Eastwood hat die vorzüglich altmodische Musik zu seinem Film, der in ein raureiffarben kühl fotografiertes Boston führt, selbst komponiert. Er liefert uns die düstere, fast brütende Skepsis eines gereiften Mannes, und er will Bild für Bild sichergehen, dass wir uns keine falschen Hoffnungen zusammenspinnen. Mit der Kindheit seiner Figuren beginnt er nur, um uns die Determiniertheit dieser armen Teufel zu zeigen. In jungen Jahren wird deren inneres Uhrwerk verbogen und verstellt, sodass sie sich auch im späteren Leben nur unter den Bedingungen der gesprungenen Federn bewegen können.

Wir sehen Jimmy, Dave und Sean beim Spiel, beim Austesten, wie weit man den Schwächsten schubsen und krümmen kann. Die Mutprobe, in frischen Zement den eigenen Namen zu kratzen, wird von einem Mann unterbrochen, der sich als Polizist ausgibt. Er wird alle drei einschüchtern, aber Dave wird er im Auto mitnehmen, wo schon ein Kumpan wartet. In diesem Film gibt es keine harmlosen Auflösungen bedrohlicher Momente: Dave wird vergewaltigt werden.

Dieses Ereignis stellt die Weichen für die späteren Leben. Dave sehen wir als schüchternen, scheuen Erwachsenen, obwohl er selbst Familienvater ist, als jemand, der sich in Konfliktsituationen tief in sich selbst zu verstecken sucht.

Sean (Kevin Bacon) ist Polizist geworden, jemand, der die Regeln der Gemeinschaft durchsetzen will. Und Jimmy (Sean Penn) ist ein erfolgreicher Gangster, ein Mann, der nicht mehr den Garantien der Gemeinschaft vertraut, sondern nur noch der eigenen Stärke. Die drei Freunde stoßen wieder aufeinander, als Jimmys Tochter ermordet wird. Sean ermittelt. Jimmy ermittelt auch, und er hat bald einen Verdacht: den, dass der tief verstörte Dave nun selbst jene Grausamkeiten begeht, die man einst an ihm verübt hat.

Eastwood setzt zu Recht großes Vertrauen in seine Schauspieler. "Mystic River" besteht nur auf den ersten Blick aus Handlungen, auf den zweiten aber ganz aus Gesichtern. Die sind hier nicht Spiegel von Seelen. Eher sind sie die Mauer eines Gefängnisses, in dem jemand mit seiner eigenen Geschichte gefangen sitzt. Man kann durchaus interpretieren, dies sei nicht nur ein Film über den Schmerz von Männern, die einer brutalen Welt keine Sicherheit abtrotzen können. Sondern ein heimlich misogyner Film, in dem die Frauen (u. a. Laura Linney) hetzen, tuscheln und gifteln, bis die Männer Maß und Kontrolle verlieren.

Aber vielleicht nutzt Clint Eastwood die Geschlechter nur symbolisch. Die Frauen stehen für die Sphäre öffentlicher Moral und Werteübereinkunft und für den Umschlag der Regeln in Heuchelei, Bigotterie und Wahn. Die Männer stehen für die Utopie spontaner, instinktiver, naturrechtlicher Übereinkunft, die scheitern muss, sobald es um mehr geht als die Aufteilung von Nahrung, um die Auffindung und Herstellung von Gerechtigkeit in einem Universum beschädigter Seelen nämlich. Clint Eastwoods "Mystic River" fließt nicht ins große Meer der tröstlichen Hoffnungen.
 
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