Lilja 4-Ever
Requiem für ein Mädchen
Rupert Koppold, veröffentlicht am 04.12.2003
Filmbeschreibung
"Es sollte ein Film über Gottes Güte werden, aber die Realität erhob ihr Haupt, und es wurde etwas anderes daraus." (Lukas Moodysson über seinen Film "Lilja 4-Ever")
Ein Anschlag auf die Augen, ein Bildersturm. Ein verzweifeltes Mädchen, das rennt und rennt, eine Handkamera, die wacklig gehetzte Bilder von Pflaster und Beton liefert, von einer Brücke über die Autobahn, alles herbstlich fahl und frostig. Und auch ein Anschlag auf die Ohren, brachial-brutaler Rock der deutschen Düsterband Rammstein. Ein Sound, der sich durch die Gehörgänge pumpt und aufs Trommelfell einschlägt, und dazu Wörter, die höhnisch die des Sandmännchens paraphrasieren, vorgetragen mit heiser rumorender Stimme, so als singe der Teufel höchstselbst: "Nun liebe Kinder gebt fein Acht ... Sie kommen zu euch in der Nacht, Dämonen Geister schwarze Feen, sie kriechen aus dem Kellerschacht und werden unter euer Bettzeug sehen."
Der schwedische Regisseur Lukas Moodysson ist mit seinen ebenso genauen wie komischen Milieubeschreibungen "Raus aus Amal" (1998) und "Together" (2000) bekannt geworden. Genau wird er auch in seinem neuen Film ein Milieu beschreiben, Komisches aber wird er in Liljas Welt nicht mehr finden. Sechzehn ist dieses Mädchen (Oksana Akinshina), das irgendwo in der ehemaligen Sowjetunion lebt, in den Mietskasernen einst sozialen Wohnungsbaus, der längst asozial geworden ist. Der ökonomische Zerfall führt auch zu einem Zerfall der Moral und damit auch zu einer Auflösung der Familienbande. Jeder für sich! Und: Rette sich, wer kann!
Und es kann sich vielleicht Liljas Mutter retten, die nach Amerika aufbricht und verspricht, ihre Tochter später nachzuholen. Lilja versucht, sie an der Abreise zu hindern, sie weiß ja, dass ihre Mutter lügt, dass sie sich auf Drängen des Freundes längst für ein Leben ohne ihre Tochter entschieden hat. Das Mädchen rennt dem Auto nach, geht dann im Schlamm auf die Knie, in Zeitlupe, zu klassischer Musik. Denn so harsch und realistisch Moodysson seine Geschichte auch erzählt, an dänische Dogmen hält er sich nicht, er überhöht, er macht aus dem Abstieg Liljas ein großes Requiem, das sich der Auferstehung im Jenseits freilich nicht mehr sicher ist.
Lilja lungert jetzt allein in der verrotteten Wohnung rum, bis sie von der Tante verdrängt wird. Sie nimmt das Bild mit dem Schutzengel von der Wand und packt es ein, sie wird es auch später überallhin mitnehmen. Nun haust sie in Kellerräumen, und oft kommt der elfjährige Volodja (Artiom Bogucharski) vorbei. Ein schweigsamer Junge, der davon träumt, im Himmel Basketball zu spielen, ein Verwahrloster auch er, der sich von Lilja nicht hat abschütteln lassen. Auf herzzerreißende Weise suchen die beiden Geborgenheit, spielen Familie, rücken auf versifften Matratzen zusammen und schnüffeln sich gemeinsam in den Klebstoffrausch.
Nein, man will diesen unendlich glamourfernen Film eigentlich nicht sehen, man fühlt sich ihm ausgesetzt, man möchte nach manchen Szenen, in denen die matschigen Wege, die vermüllten Gänge, die frostigen Temperaturen fast physisch erfahrbar werden, sofort eine warme Dusche nehmen. Und doch schafft es der Regisseur, dass einen die Geschichte packt, dass man weiter zuschaut, dass man wissen muss, wie es weitergeht mit Lilja. Und es geht weiter wie befürchtet. Mit ihrem hoffnungslosen Versuch, diese Umstände zu überleben. Mit Bars, mit Männern, mit Geld. Mit einem jungen Kerl, der freundlich tut und sie zu verstehen scheint und sie aus all dem herausholen will und natürlich ein Zuhälter ist. Mit einer Wohnung in Schweden, in die Lilja eingeschlossen wird. Mit Kunden, die sich ihrer bedienen. Mit einer Aneinanderreihung stöhnender, auf- und abruckender Männergesichter. Es passiert hier, es passiert mitten im Wohlstand, und es scheint niemanden richtig zu kümmern.
Dazu immer wieder Techno, der Sound zur Kälte. Und dann hat der Film seine ersten Bilder eingeholt und zeigt Lilja auf der Flucht. Aber wo könnte sie hin, eine von so vielen aus den Ländern im Osten, die ökonomisch abgerutscht sind und nun im gelobten Westen noch das Letzte verlieren, was ihnen geblieben ist, nämlich den Glauben, dass es irgendwo besser sein könnte. Aber wenn nun ein Schutzengel erschiene? So einer wie der, dessen Bild Lilja herumgetragen hat? Wenn der ihr nun den Weg wiese in eine ganz andere Welt? Denn auf dieser ist ihr vielleicht nicht mehr zu helfen.
Ein Anschlag auf die Augen, ein Bildersturm. Ein verzweifeltes Mädchen, das rennt und rennt, eine Handkamera, die wacklig gehetzte Bilder von Pflaster und Beton liefert, von einer Brücke über die Autobahn, alles herbstlich fahl und frostig. Und auch ein Anschlag auf die Ohren, brachial-brutaler Rock der deutschen Düsterband Rammstein. Ein Sound, der sich durch die Gehörgänge pumpt und aufs Trommelfell einschlägt, und dazu Wörter, die höhnisch die des Sandmännchens paraphrasieren, vorgetragen mit heiser rumorender Stimme, so als singe der Teufel höchstselbst: "Nun liebe Kinder gebt fein Acht ... Sie kommen zu euch in der Nacht, Dämonen Geister schwarze Feen, sie kriechen aus dem Kellerschacht und werden unter euer Bettzeug sehen."
Der schwedische Regisseur Lukas Moodysson ist mit seinen ebenso genauen wie komischen Milieubeschreibungen "Raus aus Amal" (1998) und "Together" (2000) bekannt geworden. Genau wird er auch in seinem neuen Film ein Milieu beschreiben, Komisches aber wird er in Liljas Welt nicht mehr finden. Sechzehn ist dieses Mädchen (Oksana Akinshina), das irgendwo in der ehemaligen Sowjetunion lebt, in den Mietskasernen einst sozialen Wohnungsbaus, der längst asozial geworden ist. Der ökonomische Zerfall führt auch zu einem Zerfall der Moral und damit auch zu einer Auflösung der Familienbande. Jeder für sich! Und: Rette sich, wer kann!
Und es kann sich vielleicht Liljas Mutter retten, die nach Amerika aufbricht und verspricht, ihre Tochter später nachzuholen. Lilja versucht, sie an der Abreise zu hindern, sie weiß ja, dass ihre Mutter lügt, dass sie sich auf Drängen des Freundes längst für ein Leben ohne ihre Tochter entschieden hat. Das Mädchen rennt dem Auto nach, geht dann im Schlamm auf die Knie, in Zeitlupe, zu klassischer Musik. Denn so harsch und realistisch Moodysson seine Geschichte auch erzählt, an dänische Dogmen hält er sich nicht, er überhöht, er macht aus dem Abstieg Liljas ein großes Requiem, das sich der Auferstehung im Jenseits freilich nicht mehr sicher ist.
Lilja lungert jetzt allein in der verrotteten Wohnung rum, bis sie von der Tante verdrängt wird. Sie nimmt das Bild mit dem Schutzengel von der Wand und packt es ein, sie wird es auch später überallhin mitnehmen. Nun haust sie in Kellerräumen, und oft kommt der elfjährige Volodja (Artiom Bogucharski) vorbei. Ein schweigsamer Junge, der davon träumt, im Himmel Basketball zu spielen, ein Verwahrloster auch er, der sich von Lilja nicht hat abschütteln lassen. Auf herzzerreißende Weise suchen die beiden Geborgenheit, spielen Familie, rücken auf versifften Matratzen zusammen und schnüffeln sich gemeinsam in den Klebstoffrausch.
Nein, man will diesen unendlich glamourfernen Film eigentlich nicht sehen, man fühlt sich ihm ausgesetzt, man möchte nach manchen Szenen, in denen die matschigen Wege, die vermüllten Gänge, die frostigen Temperaturen fast physisch erfahrbar werden, sofort eine warme Dusche nehmen. Und doch schafft es der Regisseur, dass einen die Geschichte packt, dass man weiter zuschaut, dass man wissen muss, wie es weitergeht mit Lilja. Und es geht weiter wie befürchtet. Mit ihrem hoffnungslosen Versuch, diese Umstände zu überleben. Mit Bars, mit Männern, mit Geld. Mit einem jungen Kerl, der freundlich tut und sie zu verstehen scheint und sie aus all dem herausholen will und natürlich ein Zuhälter ist. Mit einer Wohnung in Schweden, in die Lilja eingeschlossen wird. Mit Kunden, die sich ihrer bedienen. Mit einer Aneinanderreihung stöhnender, auf- und abruckender Männergesichter. Es passiert hier, es passiert mitten im Wohlstand, und es scheint niemanden richtig zu kümmern.
Dazu immer wieder Techno, der Sound zur Kälte. Und dann hat der Film seine ersten Bilder eingeholt und zeigt Lilja auf der Flucht. Aber wo könnte sie hin, eine von so vielen aus den Ländern im Osten, die ökonomisch abgerutscht sind und nun im gelobten Westen noch das Letzte verlieren, was ihnen geblieben ist, nämlich den Glauben, dass es irgendwo besser sein könnte. Aber wenn nun ein Schutzengel erschiene? So einer wie der, dessen Bild Lilja herumgetragen hat? Wenn der ihr nun den Weg wiese in eine ganz andere Welt? Denn auf dieser ist ihr vielleicht nicht mehr zu helfen.
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