Heimliche Spiele
Die Waffen der Frauen
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 04.12.2003
Filmbeschreibung
Für einen Moment scheinen wir hier im Kino der gewollten, angestrengten Tabubrüche gelandet zu sein, in einer jener Peepshowkabinen des französischen Avantgardefilms, in denen uns intime Zärtlichkeiten und nacktes Fleisch ebenso aufdringlich entgegengereckt werden wie der blasierte Kunstanspruch. Da räkelt und windet sich eine Frau, tanzt derart lasziv, dass der Eindruck entsteht, sie wende ihren Körper von innen nach außen, nur um in der völligen Zurschaustellung die völlige Kontrolle über sich zu wahren, indem sie nämlich bei den Menschen um sich her den Kontrollverlust auslöst.
Wir befinden uns am Beginn von Jean-Claude Brisseaus Film "Heimliche Spiele" in einem Stripteaseschuppen für Gebildete, der sexuelle Provokation als Performance anbietet. Über die Köpfe der Kundschaft hinweg schaut Sandrine (Sabrina Seyvecou), das Mädchen hinter der Bar, fasziniert der Stripperin Nathalie (Coralie Revel) zu. Wenn die beiden eine Affäre beginnen, erwartet man eine Fortsetzung des Films "Baise-Moi": eine Brunftfantasie, in Kunstsauce gedünstet.
Aber "Choses Secretes", so der Originaltitel, entwickelt sich anders als erwartet. Brisseau schaltet um von Heiß auf Kalt, vom Sinnlichen aufs Soziale, von der Verführung zu falscher Nähe auf die Lockung zur analytischen Distanz. Sandrine und Nathalie zelebrieren ihre Körper nicht als Vehikel animalischer Lust, sie trainieren sie als Werkzeuge sozialen Aufstiegs. Die beiden Frauen bewerben sich als Sekretärinnen in einem Bankhaus und präsentieren sich dort nicht als qualifizierte Arbeitnehmerinnen, sondern als wandelnde Verheißungen an die Mächtigen, dass es mit Arbeitsalltag beim nächsten Schließen der Tür vorbei sein könnte.
Brisseau begreift, dass hier mehr angeboten wird als eine Erschöpfungsübung der Körper, dass hier verunsicherten Männern neues Selbstwertgefühl offeriert wird. Das ist aber nicht nur ohne Altherrensolidarität gedreht, es entwickelt sich auch zum Duell der Aristokraten gegen die Habenichtse. Je weiter nach oben sich Sandrine und Nathalie schlafen, desto gefährlicher wird es. Weil sie es mit Menschen zu tun bekommen, die viel skrupelloser als sie selbst mit anderen umgehen und nichts gelten lassen als die eigenen narzisstischen Triebe - weshalb der Inzest in dieser Chefetage die einzig wahre Form der Hingabe darstellt.
"Heimliche Spiele" ist am Ende weniger soziale Realität als somnambule Fantasie. Aber in diesem Traum ergreift nicht das Sexuelle von allem anderen Besitz, es greift der Kampf der Besitzenden gegen die Habenichtse aufs Schlachtfeld Körper über.
Wir befinden uns am Beginn von Jean-Claude Brisseaus Film "Heimliche Spiele" in einem Stripteaseschuppen für Gebildete, der sexuelle Provokation als Performance anbietet. Über die Köpfe der Kundschaft hinweg schaut Sandrine (Sabrina Seyvecou), das Mädchen hinter der Bar, fasziniert der Stripperin Nathalie (Coralie Revel) zu. Wenn die beiden eine Affäre beginnen, erwartet man eine Fortsetzung des Films "Baise-Moi": eine Brunftfantasie, in Kunstsauce gedünstet.
Aber "Choses Secretes", so der Originaltitel, entwickelt sich anders als erwartet. Brisseau schaltet um von Heiß auf Kalt, vom Sinnlichen aufs Soziale, von der Verführung zu falscher Nähe auf die Lockung zur analytischen Distanz. Sandrine und Nathalie zelebrieren ihre Körper nicht als Vehikel animalischer Lust, sie trainieren sie als Werkzeuge sozialen Aufstiegs. Die beiden Frauen bewerben sich als Sekretärinnen in einem Bankhaus und präsentieren sich dort nicht als qualifizierte Arbeitnehmerinnen, sondern als wandelnde Verheißungen an die Mächtigen, dass es mit Arbeitsalltag beim nächsten Schließen der Tür vorbei sein könnte.
Brisseau begreift, dass hier mehr angeboten wird als eine Erschöpfungsübung der Körper, dass hier verunsicherten Männern neues Selbstwertgefühl offeriert wird. Das ist aber nicht nur ohne Altherrensolidarität gedreht, es entwickelt sich auch zum Duell der Aristokraten gegen die Habenichtse. Je weiter nach oben sich Sandrine und Nathalie schlafen, desto gefährlicher wird es. Weil sie es mit Menschen zu tun bekommen, die viel skrupelloser als sie selbst mit anderen umgehen und nichts gelten lassen als die eigenen narzisstischen Triebe - weshalb der Inzest in dieser Chefetage die einzig wahre Form der Hingabe darstellt.
"Heimliche Spiele" ist am Ende weniger soziale Realität als somnambule Fantasie. Aber in diesem Traum ergreift nicht das Sexuelle von allem anderen Besitz, es greift der Kampf der Besitzenden gegen die Habenichtse aufs Schlachtfeld Körper über.
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