Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Kino


Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Alles wird gut

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 24.12.2003
Filmbeschreibung
Die stinkende Last wäre schon auf ebenem Boden eine Herausforderung. Auf den holprigen Bergpfaden in der chinesischen Provinz Yong Jing aber werden die Intellektuellenkinder aus der Stadt mit den Butten voller Jauche, die sie im Jahr 1971, mitten in der Kulturevolution, auf die Felder schleppen müssen, erst recht nicht fertig. Einer von ihnen stürzt und die Fäkalien schwappen nach allen Seiten über den Boden. Der begleitende Bauer, der analphabetische Zucht- und Lehrmeister der Zwangsarbeiter, duldet keine Verschwendung. Das alles, ordnet er an, müsse wieder eingesammelt werden. Mit bloßen Händen, versteht sich, denn ein Werkzeug nur zum Schutz kleinbürgerlicher Empfindlichkeiten wäre dekadenter Luxus.

Diese Bilder von der harten Landarbeit in dem Film "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" lassen keinen Zweifel. Es geht bei dieser Kulturrevolution nicht nur um die Stärkung der ländlichen Produktion. Es geht auch um die Erniedrigung, die Schwächung, die psychische Zermürbung der Städter. Doch Dai Sijies’ Verfilmung seines eigenen, teils autobiografischen Romans ist kein aus Schreckensszenen gebautes Denkmal für die Opfer jener Jahre, für die verlorene Lebenszeit so vieler Menschen. Sie ist eine verklärte und auch verschmitzte, gelegentlich aber fragwürdig zuversichtliche Hymne auf Kunst und Liebe als Mittel von Widerstand und Selbstbewahrung.

Zwei Studenten (Chen Kun, Liu Ye) aus der Stadt verlieben sich in ein Mädchen (Zhou Xun) aus dem Nachbardorf, die Tochter eines greisen Schneiders. Diese Dreiecksbeziehung, die unter anderen Umständen vielleicht zu bitterer Rivalität führen würde, bildet hier einen privaten Rückzugsraum. Zusätzlich zu den eigenen zarten Gefühlen entdecken die drei Liebenden ein Versteck mit politisch unerwünschter westlicher Literatur. Die Werke von Balzac füllen ihre Köpfe mit Bildern, die sich als Schutzschild zwischen Seele und Alltag legen.

Das Ganze ist in delikaten Farben fotografiert, und die Aura bittersüßer Sehnsucht wird von der Rahmenhandlung noch verstärkt. Einer der beiden Liebenden ist Jahrzehnte später auf der Suche nach der kleinen Schneiderin von einst. Symbolischerweise versinkt gerade die ganze Landschaft dieser Liebe in den Fluten eines Stausees. Was wir zu sehen bekommen von den Jahren der Entbehrung, ist also aufgeladen mit dem Bewusstsein der Unwiederbringlichkeit. Der Film schaut nicht erschreckt zurück auf diese Jahre, er erkundet kein Trauma. Er inszeniert vielmehr die Bewältigung des Grauens durch Liebe, Kultur und Humor.

Tatsächlich hat er grandios komische Szenen, etwa wenn die Bauern eine von den Städtern mitgebrachte Geige zerstören wollen, aber im letzten Moment überzeugt werden können, dass Mozart ein glühender Verehrer Maos gewesen sei und Hymnen auf den Großen Vorsitzenden komponiert habe. Diese Komik tritt nicht einfach neben die Bitternis der Arbeit und Zwangsverschickung, sie drängt sie in den Hintergrund.

Dieser Prozess wird besonders deutlich, als der Ortsvorsteher die heimlichen Leseabenteuer entdeckt und den Studenten mit Beschlagnahmung der Bücher und Bestrafung droht. Für einen Moment scheint die brutale Fremdbestimmung die Helden eingeholt zu haben - bis der soeben noch bedrohliche Bauer einen Kuhhandel anbietet. Er verlangt von einem der Leser, einem Zahnarztsohn, als Entgelt für sein Wegschauen eine Zahnbehandlung. Weil der Erpresste weder eine Ausbildung erfahren noch Instrumente zur Verfügung hat, führt die Erpressung zu einer Bohr- und Plombierimprovisation, die uns schon beim bloßen Zuschauen die Kronen im Munde wackeln lässt.

Die Bauernkomödie löst die Studie über die Tyrannei ab, und das Surren des selbst gebauten Bohrers, der bald Landbewohner aus der ganzen Region anlockt, scheint ein Vorgriff auf ein späteres China der Privatinitiative und der etwas freieren Individuen zu sein. Man kann "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" also als Hymne auf den menschlichen Geist sehen, der auch unter aussichtslosen Bedingungen Widerstand leistet. Man kann aber vor der gusseisernen Zuversicht dieses Films auch erschrecken, vor seiner Gewissheit, mit der richtigen inneren Einstellung lasse sich alles bewältigen, und seiner zweifelsfreien Verheißung, die Liebe lasse alle äußeren Zwänge zur halben Posse schrumpfen.
 
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