Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Kino


Die Träumer

Der Kopf auf der Straße

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 22.01.2004
Filmbeschreibung
Eine Revolution, die möchten wir immer und zuerst für uns selbst. Ein Umsturz der Verhältnisse mag hehre Begründungen haben, mag tatsächlich den Armen, Erniedrigten und Entrechteten dienen: Wir hoffen aber doch, dass er auch unser ganz privates Leben umkrempeln wird, dass er gar neue Menschen aus uns macht. Das ist die Erkenntnis, die Bernardo Bertoluccis Film "Die Träumer" zu Grunde liegt. Was aber nicht heißt, dass der Mai 1968 in Paris, von dem der Film erzählt, hier als simple Addition privater Frustrationen auftaucht. "Die Träumer" ist da um einiges verschlagener.

Bertolucci, Jahrgang 1940, erzählt von drei Kinogängern, von jener Sorte Cinephiler, die Film nicht als Ergänzung des Lebens sehen, sondern als das eigentliche Leben. Das französische Geschwisterpaar Isabelle und Theo (Eva Green und Louis Garrett) und der amerikanische Student Matt (Michael Pitt) können aber nicht mehr aus dem Schummerlicht der Wirklichkeit in die Dunkelheit des Kinosaals abtauchen. Im Februar 1968 wird nämlich Henri Langlois, der Direktor der Cinematheque, als Unruhestifter und Quertreiber seines Postens enthoben. Die Cineasten stehen plötzlich an vorderster Front des Protestes, und die Frage der Gewerkschaften, wem eigentlich die Produktionsmittel gehörten, dringt in ihre Traumwelt als die Frage ein, wem eigentlich die Leinwand und das Filmprogramm gehören.

Die Proteste gegen den Putsch in der Cinematheque führen Matt und die Geschwister zusammen. Ihre Bekanntschaft führt sie erst einmal weg von der Straße. Der Amerikaner zieht als Gast bei den französischen Jugendlichen ein, deren Eltern verreist sind, und ein Spiel erotischer Provokationen und Erforschungen beginnt, eine Folge von Grenzübertretungen, bei denen das Verbotene neu definiert wird. Nicht die Lust ist, wie im bürgerlichen Leben, das Anstößige, sondern das Verstecken der Lust. In diesem seltsamen Dreieck soll es also immer einen oder mehrere Zuschauer geben - was nicht ganz zu dem nun doch aufkeimenden Wunsch nach Intimität passt, nach einer Erfahrung, von der andere ganz und gar ausgeschlossen sind.

Die homoerotische Komponente dieser privaten Kommune hat Bertolucci ("Der letzte Tango in Paris", "Der letzte Kaiser", "Der Himmel über der Wüste") gegenüber der Romanvorlage des Briten Gilbert Adair in den Hintergrund gerückt. Trotzdem bleibt klar, dass hier alle Rollenmuster und Konventionen in Frage gestellt werden - Adair hat immerhin selbst das Drehbuch geschrieben. Die Revolution draußen scheint nur der Anstoß für die Filmfiguren gewesen zu sein, ihre Innenwelt, ihre Gefühle und Triebe, ihre Wünsche und Bedürfnisse einer großen Inventur und Umstellung zu unterziehen.

Sehr virtuos zeigt uns Bernardo Bertolucci, wie weit der rote Mai seines Trios von den Protesten der Gewerkschaften entfernt ist. Die jungen Bürgerkinder testen unerbittlich ihr Filmwissen, sie stellen Kinoszenen nach, und Bernardo Bertolucci reißt für sie die Grenzen zwischen Fiktion und Realität nieder. Er montiert die Szenen der Filme und die Nachahmungen durch die jungen Cineasten ineinander, als könnten diese tatsächlich körperlich hinübertreten in die doch so andere Welt des Kinos.

Doch dieses Spiel findet ein klirrendes Ende. Sehr symbolisch fliegt ein Pflasterstein durch die Fensterscheibe der Bürgerswohnung, ein Weckruf jener Marschkolonnen, die drunten mit dem Ruf "Heraus auf die Straße" durch Paris ziehen. Der privaten und sexuellen Revolution soll nun wieder die gesellschaftliche Umgestaltung folgen, die Welt im Kopf soll nicht als geschlossene Seifenblase aus der politischen Welt davonschweben dürfen. Nur bleibt in diesem Film am Ende Skepsis - die Träumer kommen uns nicht so vor, als hielten sie in der Welt da draußen lange durch.
 
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