Open Range
Tief im Westen
Rupert Koppold, veröffentlicht am 29.01.2004
Filmbeschreibung
Ein weiter Himmel über saftig grünem Land. Eine satt und schwer über die Bilder strömende Musik. Eine Herde von Kühen, ein Planwagen, vier Cowboys. Ein sich zusammenbrauendes Gewitter und die Errichtung eines Lagers mit einer Zeltplane. Und als es dann losprasselt, ein Dialog zwischen dem Herdenführer Boss Spearmann (Robert Duvall) und seiner rechten Hand Charley, der den Alten fragt: "Schon mal so einen Regen gesehen?" - "Nicht seit Noah und der Sintflut." - "Du musst es wissen, du warst ja dabei", sagt Charley.
So ruhig und gelassen, so als könne er die erhöhte Erzählgeschwindigkeit in Hollywood ignorieren, so als hätte er überhaupt alle Zeit der Welt, beginnt Kevin Costners Film "Open Range", in dem er selber den Cowboy Charley spielt. Und so atmet man durch und lehnt sich zurück und lässt sich vertrauensvoll mittreiben im langsamen Fluss der Geschichte. Endlich wieder mal ein Western! Wie leger der ledrige Robert Duvall im Sattel hockt und sich eine Zigarette rollt, als hätte er das genau so sein ganzes Leben lang getan! Wie wortkarg Charley den ungeduldigen Latinojungen Button (Diego Luna) ins Wasser schubst, weil der ihn in der Nacht davor beim Pokern beschissen hat! Und wie liebevoll der starke Mose (Abraham Benrubi) mit Charleys Hund herumtollt!
Aber man weiß natürlich auch: Da wird noch was passieren. Dann sieht man die ins Tal gewürfelten Holzhäuser des Städtchens Harmonville und hört, wie sich in die Musik ein dumpfer, grollender, Unheil verkündender Ton einschleicht. Und als Boss und Charley den übel zugerichteten Mose, den sie ins Städtchen geschickt hatten, aus dem Gefängnis holen wollen, lehnt ein grinsender Sheriff an seinem Schreibtisch, und hinter diesem sitzt, sodass die Machtverhältnisse klar sind, der Großrancher Benton (Michael Gambon), der dem Viehtreck das Recht auf freies Weiden verweigert.
Nun hat sich in diesem in sanften und milchigen Bildern gemalten Film also ein klassischer Westernplot herausgeschält. Aber wie Costner diesen Plot umsetzt, das ist dann mehr und mehr klassizistisch zu nennen, ist also Stilzitat, das sich des zeitlichen Abstands zum Original immer bewusst ist. Denn das Genre als solches ist ja schon lange abgeschlossen, und wenn, wie jetzt gerade wieder, eine Westernrenaissance beschworen wird, dann stützt sich das nicht auf eine größere Anzahl von Filmen, sondern auf ein paar störrisch-trotzige Einzelwerke.
Kevin Costner hat sich dabei, neben Clint Eastwood, als der Mann erwiesen, der dem Genre immer wieder seine Liebe nachträgt. 1990 gelang ihm mit dem Indianerepos "Der mit dem Wolf tanzt" ein großer und verdienter Erfolg, 1994 spielte er, nicht ganz so erfolgreich, Wyatt Earp als zwiespältigen Helden, 1997 inszenierte er sich in dem als Endzeitfilm verkleideten Pathoswestern "Postman" wieder selbst und scheiterte auf der ganzen Linie. "Open Range" ist nun wieder ein Spätwestern geworden, in dem ein Viehtreck nicht mehr Aufbruchseuphorie signalisiert wie damals, 1948, in Howard Hawks’ "Red River", sondern nur noch Flucht vor der Einzäunung des Landes. Dennoch sieht es in der ersten Hälfte des Films so aus, als fühle sich Costner, um den es in den letzten Jahren still geworden war, sofort wieder wohl im weiten Land, als könne er dort, im Westen, wieder anknüpfen an vergangene Heldentaten.
Und dann verliert er doch fast alles, was er sich in seiner Erzählung zunächst so ruhig und behutsam aufgebaut hat - nein, nicht auf einmal, nicht durch einen plötzlichen kapitalen Fehler, sondern nach und nach durch Erosion. Denn es gelingt den beiden zunächst so lakonisch angelegten Helden zunehmend weniger, die Worte zu halten. So vieles muss hier noch gesagt werden vor einem unendlich lang hinausgezögerten Showdown! Charley erzählt Boss von seiner Vergangenheit als Revolverheld, Boss erzählt Charley, wie er wirklich heißt. Charley erklärt Sue (Annette Bening), der Schwester eines Arztes, seine Liebe. Boss sagt, er lasse sich das nicht gefallen, dass ein Mann einem anderen vorschreiben wolle, was er zu tun habe. Charley sagt zu den ängstlich abwartenden Städtern, es gebe Dinge, "die sind für einen Mann schlimmer als der Tod".
Und so weiter und so unablässig fort. Lauter große und wuchtige Worte, die durch ihre Häufung dann immer kleiner und kraftloser werden. "Shut up and shoot!", so möchte man den beiden Helden schließlich zurufen. Aber es wird immer geschwätziger. Jetzt muss Charley, der sich auf dem Teppich im Arzthaus plötzlich der schmutzigen Stiefel bewusst wurde, sich noch von Sue verabschieden. Und Boss muss noch Havannazigarren und Schokolade kaufen und ein Testament machen. Und Charley, der in Sues Haus aus Versehen ein Teeservice zerdeppert hat, muss noch beim Krämer im Katalog ein neues raussuchen und bestellen.
Und jede Szene für sich genommen wäre in Ordnung und manchmal sogar richtig schön - und alle zusammen sind sie am Ende unerträglich, sodass man sich zurücksehnt in den Film, den sich "Open Range" offensichtlich als Vorbild genommen hat, in Clint Eastwoods 1992 gedrehten Western "Erbarmungslos" nämlich. Denn in diesem vielleicht größten Western der letzten zwei Jahrzehnte musste nicht mehr sehr viel geredet, dafür aber noch einiges gezeigt und vor allem: noch einiges getan werden.
So ruhig und gelassen, so als könne er die erhöhte Erzählgeschwindigkeit in Hollywood ignorieren, so als hätte er überhaupt alle Zeit der Welt, beginnt Kevin Costners Film "Open Range", in dem er selber den Cowboy Charley spielt. Und so atmet man durch und lehnt sich zurück und lässt sich vertrauensvoll mittreiben im langsamen Fluss der Geschichte. Endlich wieder mal ein Western! Wie leger der ledrige Robert Duvall im Sattel hockt und sich eine Zigarette rollt, als hätte er das genau so sein ganzes Leben lang getan! Wie wortkarg Charley den ungeduldigen Latinojungen Button (Diego Luna) ins Wasser schubst, weil der ihn in der Nacht davor beim Pokern beschissen hat! Und wie liebevoll der starke Mose (Abraham Benrubi) mit Charleys Hund herumtollt!
Aber man weiß natürlich auch: Da wird noch was passieren. Dann sieht man die ins Tal gewürfelten Holzhäuser des Städtchens Harmonville und hört, wie sich in die Musik ein dumpfer, grollender, Unheil verkündender Ton einschleicht. Und als Boss und Charley den übel zugerichteten Mose, den sie ins Städtchen geschickt hatten, aus dem Gefängnis holen wollen, lehnt ein grinsender Sheriff an seinem Schreibtisch, und hinter diesem sitzt, sodass die Machtverhältnisse klar sind, der Großrancher Benton (Michael Gambon), der dem Viehtreck das Recht auf freies Weiden verweigert.
Nun hat sich in diesem in sanften und milchigen Bildern gemalten Film also ein klassischer Westernplot herausgeschält. Aber wie Costner diesen Plot umsetzt, das ist dann mehr und mehr klassizistisch zu nennen, ist also Stilzitat, das sich des zeitlichen Abstands zum Original immer bewusst ist. Denn das Genre als solches ist ja schon lange abgeschlossen, und wenn, wie jetzt gerade wieder, eine Westernrenaissance beschworen wird, dann stützt sich das nicht auf eine größere Anzahl von Filmen, sondern auf ein paar störrisch-trotzige Einzelwerke.
Kevin Costner hat sich dabei, neben Clint Eastwood, als der Mann erwiesen, der dem Genre immer wieder seine Liebe nachträgt. 1990 gelang ihm mit dem Indianerepos "Der mit dem Wolf tanzt" ein großer und verdienter Erfolg, 1994 spielte er, nicht ganz so erfolgreich, Wyatt Earp als zwiespältigen Helden, 1997 inszenierte er sich in dem als Endzeitfilm verkleideten Pathoswestern "Postman" wieder selbst und scheiterte auf der ganzen Linie. "Open Range" ist nun wieder ein Spätwestern geworden, in dem ein Viehtreck nicht mehr Aufbruchseuphorie signalisiert wie damals, 1948, in Howard Hawks’ "Red River", sondern nur noch Flucht vor der Einzäunung des Landes. Dennoch sieht es in der ersten Hälfte des Films so aus, als fühle sich Costner, um den es in den letzten Jahren still geworden war, sofort wieder wohl im weiten Land, als könne er dort, im Westen, wieder anknüpfen an vergangene Heldentaten.
Und dann verliert er doch fast alles, was er sich in seiner Erzählung zunächst so ruhig und behutsam aufgebaut hat - nein, nicht auf einmal, nicht durch einen plötzlichen kapitalen Fehler, sondern nach und nach durch Erosion. Denn es gelingt den beiden zunächst so lakonisch angelegten Helden zunehmend weniger, die Worte zu halten. So vieles muss hier noch gesagt werden vor einem unendlich lang hinausgezögerten Showdown! Charley erzählt Boss von seiner Vergangenheit als Revolverheld, Boss erzählt Charley, wie er wirklich heißt. Charley erklärt Sue (Annette Bening), der Schwester eines Arztes, seine Liebe. Boss sagt, er lasse sich das nicht gefallen, dass ein Mann einem anderen vorschreiben wolle, was er zu tun habe. Charley sagt zu den ängstlich abwartenden Städtern, es gebe Dinge, "die sind für einen Mann schlimmer als der Tod".
Und so weiter und so unablässig fort. Lauter große und wuchtige Worte, die durch ihre Häufung dann immer kleiner und kraftloser werden. "Shut up and shoot!", so möchte man den beiden Helden schließlich zurufen. Aber es wird immer geschwätziger. Jetzt muss Charley, der sich auf dem Teppich im Arzthaus plötzlich der schmutzigen Stiefel bewusst wurde, sich noch von Sue verabschieden. Und Boss muss noch Havannazigarren und Schokolade kaufen und ein Testament machen. Und Charley, der in Sues Haus aus Versehen ein Teeservice zerdeppert hat, muss noch beim Krämer im Katalog ein neues raussuchen und bestellen.
Und jede Szene für sich genommen wäre in Ordnung und manchmal sogar richtig schön - und alle zusammen sind sie am Ende unerträglich, sodass man sich zurücksehnt in den Film, den sich "Open Range" offensichtlich als Vorbild genommen hat, in Clint Eastwoods 1992 gedrehten Western "Erbarmungslos" nämlich. Denn in diesem vielleicht größten Western der letzten zwei Jahrzehnte musste nicht mehr sehr viel geredet, dafür aber noch einiges gezeigt und vor allem: noch einiges getan werden.
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