Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Kino


Erbsen auf halb 6

Die Blendung

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 04.03.2004
Filmbeschreibung
Wie jemand gehen soll, welches Gesicht er zu machen hat, wie seine kleinsten Gesten auszusehen haben, obendrein die winzigsten Details der Welt darf Jakob (Hilmir Snaer Gudnason) mit der Souveränität des Tyrannen bestimmen. Denn Jakob ist Theaterregisseur. In Lars Büchels "Erbsen auf halb 6" ist Jakob aber nach kurzer Zeit nur noch ein Popanz. Zumindest empfindet er das so. Weshalb er nun noch viel grimmiger, grantiger und rücksichtsloser versucht, den eigenen Willen wie eine Bulldozerschaufel über die Welt zu schieben. Jakob verliert das Augenlicht. Aber er will das nicht wahrhaben, so wenig, wie er bereit ist, Hilfe oder Ratschläge von Lilly anzunehmen, der Therapeutin, die ihn einweisen soll in sein neues Leben im Dunkeln. Jakobs Blendung ist eine doppelte, seine Wut raubt ihm so viele Eindrücke wie der Defekt seiner Augen. Ihm fällt nicht einmal auf, dass Lilly (Fritzi Haberlandt), die er für ihre Besserwisserei und Ahnungslosigkeit hasst, sehr wohl weiß, wovon sie spricht, dass auch sie blind ist.

Lars Büchel wagt mit "Erbsen auf halb 6" nicht bloß die übliche Liebesgeschichte, in der die zuvor Entfremdeten über einige Hindernisse zueinander finden müssen. Er erzählt von Barrieren, die jeden Kontakt verhindern könnten, er schildert das Auflaufen auf Hindernisse, das sich zum Gefühl formen könnte, von undurchdringlichen Mauern eingeschlossen zu sein. Und anfangs setzt Büchel, der schon mit "4 Geschichten über 5 Tote" und "Jetzt oder nie - Zeit ist Geld" als stilwilliger Regisseur aufgefallen ist, die Geschichte furios in Szene. Da werden Schauplätze und Handlungen interessant ineinander verzahnt, da sind wir noch nicht sicher, aber umso gespannter, was sich aus diesen Bildern, die raffiniert die Lust am Sehen preisen, zusammensetzen wird.

Aber leider wird dieser Film, dessen Titel keine Uhrzeit meint, sondern die Orientierungshilfe, die Blinden einen Eindruck der Speisenverteilung auf dem Teller geben soll, immer kunstgewerblicher. Seine Bilder werden, als Jakob und Lilly gemeinsam weit in den Osten reisen, immer zickiger, eine russische Trauminstallation, gebaut aus geschmäcklerischer Armut und pseudopoetischer Verschrobenheit. Irgendwann sind die Figuren zwar ständig groß im Bild, aber der Film sieht sie nicht mehr: Der Kunstwille hat ihn dann schon ganz verblendet.
 
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