Die Kinder sind tot
Augen aus Eis
Thomas Basgier, veröffentlicht am 11.03.2004
Filmbeschreibung
Unter deutschen Dächern vollzieht sich täglich das Schauspiel des Lebens. Es wird geliebt und gehasst, frohlockt und gejammert, malocht oder gefaulenzt - so wie anderswo auch. Doch verborgen hinter deutschen Türen lauern auch morbide Albträume. Im Sommer 1999 verdursten zwei Kinder. 14 Tage wurden die beiden Jungs, zwei und fünf Jahre alt, von ihrer Mutter in der Wohnung alleine gelassen. Während Mama mit ihrem neuen Freund auf den Putz haut, spielt sich in der verwahrlosten Behausung, mitten in der zu Frankfurt/Oder gehörenden Plattenbausiedlung Neuberesinchen, Grauenerregendes ab.
Die Orangensaft-, Milch- und Bananenvorräte sind bald aufgebraucht, die Kleinen befällt Panik. Sie schlagen mit Löffeln gegen die Fensterscheiben, brüllen sich die Seele aus dem Leib. Im Todeskampf verbeißt sich der Jüngere, verrückt vor Durst, mehrmals in den Älteren. Der Gerichtsmediziner wird festhalten, im Körper der beiden sei kein einziger Tropfen Flüssigkeit mehr nachweisbar gewesen. Der Fall produzierte bundesweite Schlagzeilen. Die Täterin Daniela Jesse, damals 23, wurde wegen Doppelmords zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Prozess verlief tumultartig, das Gericht wurde mit Briefen bombardiert, deren Verfasser vehement für die Todesstrafe plädierten, bereit, diese auch gleich selbst zu vollstrecken.
Die junge Regisseurin Aelrun Goette kannte das alles nur aus der Zeitung. Alarmiert durch die Lynchhysterie beschloss sie, eine Dokumentation über die Tragödie zu drehen. Herausgekommen ist ein Film, der zum Bestürzendsten zählt, was seit langem auf hiesigen Leinwänden zu betrachten war. Und zwar nicht, weil das emotional aufwühlende Thema Kindstötung abgehandelt wird, sondern hauptsächlich, weil Goette nicht mit oberflächlichen Schlussfolgerungen operiert. Sie forscht nach einer Wahrheit jenseits der Fakten, sie wagt den schonungslosen Blick hinter deutsche Türen, und was sie sieht, erzeugt eine Beklemmung, die sich der verbalen Vermittlung weit gehend entzieht.
"Die Kinder sind tot" beginnt zunächst als Milieustudie. Neuberesinchen war zu DDR-Zeiten eine favorisierte Wohngegend, heute fungiert das Viertel als finale Zuflucht für die sozial Ausgegrenzten. Goette benötigt wenige Bilder, um die Atmosphäre des Quartiers auf den Punkt zu bringen: Ein Pärchen schlurft zufällig durchs Set, er in Shorts und Badelatschen, sie in Jogginghose, drei Kinder tollen herum, im Einkaufswagen werden die Biervorräte nach Hause gekarrt. In der einzigen Kneipe der Siedlung werden die benebelten Männer zu Daniela Jesse befragt. Die Antwort lautet stets gleich: "Dazu denk ich mir meinen Teil."
Von nun an sprechen einzig die Frauen. Eine der Freundinnen äußert sich fassungslos und blafft vor laufender Kamera ihren Nachwuchs an. Die Dame vom Jugendamt betont: "Es bestand kein Anlass zum Eingreifen." Eine Nachbarin beteuert: "Alle haben das Gebrüll der Kinder gehört. Aber die haben immer gebrüllt. Das war nichts Besonderes." Der Mutter der Verurteilten fällt eine Schlüsselrolle zu: "Daniela hat wirklich alles gekriegt von uns - auch Liebe." Man hört die Worte und starrt in Augen aus Eis.
Daniela Jesse selbst arbeitet sich im Interview vor allem an dieser Mutter ab, wobei zusätzlich deutlich wird: Wenn sie ihre Tat erklären könnte, hätte sie jene nie begangen. Innerhalb von sechs Jahren von vier verschiedenen Männern geschwängert, von einer Räumungsklage bedroht: die egoschwache Frau ertrank in totaler Überforderung. Und dies so sehr, dass sie sich komplett aus der Realität ausklinkte und dabei sogar ihre Kinder opferte. Ohne die Gleichgültigkeit des Umfeldes jedoch, gestählt in der Unkultur des Wegguckens und Weghörens, wäre dieses Drama wohl nicht passiert.
Das ist die Quintessenz von Aelrun Goettes Film, der das Verbrechen weder verniedlicht noch die Verbrecherin dämonisiert. Und es ist nur legitim, dass ein derart glaubwürdiger Gegenentwurf zu heutigen Sensationsreportagen indirekt folgende Frage aufwirft: Ist Daniela Jesse eine Mörderin, getrieben von niederen Beweggründen? Trotz des Abscheus über die Qual der beiden Jungen: die Justiz sollte die Zustände unter deutschen Dächern künftig differenzierter würdigen.
Die Orangensaft-, Milch- und Bananenvorräte sind bald aufgebraucht, die Kleinen befällt Panik. Sie schlagen mit Löffeln gegen die Fensterscheiben, brüllen sich die Seele aus dem Leib. Im Todeskampf verbeißt sich der Jüngere, verrückt vor Durst, mehrmals in den Älteren. Der Gerichtsmediziner wird festhalten, im Körper der beiden sei kein einziger Tropfen Flüssigkeit mehr nachweisbar gewesen. Der Fall produzierte bundesweite Schlagzeilen. Die Täterin Daniela Jesse, damals 23, wurde wegen Doppelmords zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Prozess verlief tumultartig, das Gericht wurde mit Briefen bombardiert, deren Verfasser vehement für die Todesstrafe plädierten, bereit, diese auch gleich selbst zu vollstrecken.
Die junge Regisseurin Aelrun Goette kannte das alles nur aus der Zeitung. Alarmiert durch die Lynchhysterie beschloss sie, eine Dokumentation über die Tragödie zu drehen. Herausgekommen ist ein Film, der zum Bestürzendsten zählt, was seit langem auf hiesigen Leinwänden zu betrachten war. Und zwar nicht, weil das emotional aufwühlende Thema Kindstötung abgehandelt wird, sondern hauptsächlich, weil Goette nicht mit oberflächlichen Schlussfolgerungen operiert. Sie forscht nach einer Wahrheit jenseits der Fakten, sie wagt den schonungslosen Blick hinter deutsche Türen, und was sie sieht, erzeugt eine Beklemmung, die sich der verbalen Vermittlung weit gehend entzieht.
"Die Kinder sind tot" beginnt zunächst als Milieustudie. Neuberesinchen war zu DDR-Zeiten eine favorisierte Wohngegend, heute fungiert das Viertel als finale Zuflucht für die sozial Ausgegrenzten. Goette benötigt wenige Bilder, um die Atmosphäre des Quartiers auf den Punkt zu bringen: Ein Pärchen schlurft zufällig durchs Set, er in Shorts und Badelatschen, sie in Jogginghose, drei Kinder tollen herum, im Einkaufswagen werden die Biervorräte nach Hause gekarrt. In der einzigen Kneipe der Siedlung werden die benebelten Männer zu Daniela Jesse befragt. Die Antwort lautet stets gleich: "Dazu denk ich mir meinen Teil."
Von nun an sprechen einzig die Frauen. Eine der Freundinnen äußert sich fassungslos und blafft vor laufender Kamera ihren Nachwuchs an. Die Dame vom Jugendamt betont: "Es bestand kein Anlass zum Eingreifen." Eine Nachbarin beteuert: "Alle haben das Gebrüll der Kinder gehört. Aber die haben immer gebrüllt. Das war nichts Besonderes." Der Mutter der Verurteilten fällt eine Schlüsselrolle zu: "Daniela hat wirklich alles gekriegt von uns - auch Liebe." Man hört die Worte und starrt in Augen aus Eis.
Daniela Jesse selbst arbeitet sich im Interview vor allem an dieser Mutter ab, wobei zusätzlich deutlich wird: Wenn sie ihre Tat erklären könnte, hätte sie jene nie begangen. Innerhalb von sechs Jahren von vier verschiedenen Männern geschwängert, von einer Räumungsklage bedroht: die egoschwache Frau ertrank in totaler Überforderung. Und dies so sehr, dass sie sich komplett aus der Realität ausklinkte und dabei sogar ihre Kinder opferte. Ohne die Gleichgültigkeit des Umfeldes jedoch, gestählt in der Unkultur des Wegguckens und Weghörens, wäre dieses Drama wohl nicht passiert.
Das ist die Quintessenz von Aelrun Goettes Film, der das Verbrechen weder verniedlicht noch die Verbrecherin dämonisiert. Und es ist nur legitim, dass ein derart glaubwürdiger Gegenentwurf zu heutigen Sensationsreportagen indirekt folgende Frage aufwirft: Ist Daniela Jesse eine Mörderin, getrieben von niederen Beweggründen? Trotz des Abscheus über die Qual der beiden Jungen: die Justiz sollte die Zustände unter deutschen Dächern künftig differenzierter würdigen.
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