Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Kino


Das große Rennen von Belleville

Ein Trickfilm hisst die Trikolore

Rupert Koppold, veröffentlicht am 08.04.2004
Filmbeschreibung
Und sofort geht’s los mit den Triplettes de Belleville, diesem pelzbehängten, üppigen Damentrio, durch die riesige Menge vor den Toren hinein ins Theater, wo es jazzt und swingt, wo Django Reinhardt Gitarre spielt, mit einer Hand und einem Fuß über die Saiten flitzt und mit der zweiten Hand lässig eine Zigarette hält, und jetzt wirbelt auch die scharfe Josephine Baker bananenbekleidet - und nur mit Bananen bekleidet! - über die Bühne, und jetzt treten auch die Triplettes auf und singen, und all dies inspiriert von Stil und Tempo der amerikanischen Zeichentrickfilme der zwanziger und dreißiger Jahre um Cartoonfiguren wie Betty Boop und Co., und all dies gleichzeitig auch eine große Hommage an die Pariser Shows jener Zeit, an eine Kultur, die sich von der amerikanischen anregen ließ und diese dann selbstbewusst in etwas sehr Französisches umformte.

Die nostalgischen Brauntöne und die zittrig durchs Bild laufenden Linien erklären sich dadurch, dass wir diese Show nicht direkt sehen, sondern als alten Film im Schwarzweißfernsehen der fünfziger Jahre. Der Regisseur Sylvain Chomet imitiert in seinem Zeichentrickfilm "Das große Rennen von Belleville" also auch noch die Gebrauchsspuren eines Realfilms. Vor dem Fernseher - und nun in Farbe - sehen wir Madame Souza, eine ältere Dame mit Klumpfuß, ihren dicken, traurigen Enkel Champion und den hier noch kleinen, bald aber ziemlich großen und dicken Hund Bruno. Die drei wohnen in einem Türmchen, am Stadtrand, am Bahngleis, prototypisch Pariser Banlieu also, und wenn der Zug sich ankündigt, hechelt Bruno die Treppen hoch und bellt die vorbeirasenden Passagiere an, und manchmal erzählt dieser in jedem Sinn traumhafte Film auch direkt Hundeträume nach, und da sitzt Bruno dann selber auf einer Art antiquierter Lok und fährt am Türmchen vorbei.

Die eigentliche Geschichte in dieser prall gefüllten Wundertüte von einem Film, der vor detailliert gezeichneten Hintergründen extrem karikierte Figuren agieren lässt, ist aber die von Madame Souza, die ihren Enkel Champion wirklich zu einem solchen heranziehen will, für diesen ein rigides Trainingsprogramm entwirft und dem bald nur noch aus Muskeln und Sehnen bestehenden Rennradler mit dem Dreirad hinterherpedalliert und ihn mit der Trillerpfeife die steilsten Anstiege hochhetzt - gesprochen wird in diesem Film übrigens kaum. Und dann, bei der Tour de France, wird Champion mitten aus dem Rennen heraus entführt von schwarzeckigen Schurken, die wie eine Kreuzung aus Mafiosi und Särgen aussehen. Mit einem himmelragenden Dampfer geht es nun über den Ozean - und mit dem Tretbötchen fahren Madame Souza und Bruno unerschrocken hinterher.

Und erst jetzt ist dieser nach allen Seiten explodieren wollende und trotzdem immer zusammenhaltende Film in Belleville, das sich als eine sehr französische Fantasie von New York erweist, mit klassizistischen oder Art-déco-Wolkenkratzern, mit einer fetten Freiheitsstatue, fetten Bewohnern und fetten Hamburgern, die sich die bargeldlose Madame Souza aber sowieso nicht leisten kann. Dann aber wird sie aufgenommen von den drei alt und hager gewordenen und in einer Absteige hausenden Triplettes de Belleville, die mit Dynamit auf Froschfang gehen und die Amphibien in einem Topf servieren, in dem noch hier ein großes Froschauge vorwurfsvoll rauslugt und da ein Schenkel zuckt.

Einmal wird hier auch - Pardon! - ein vollgeschissener Abort mit um ihn herumkreisenden Fliegen gezeigt. Es sind Szenen von einer Drastik, die auch ein neuerer Disney-Trickfilm nie und nimmer zulassen würde. Aber dieses "Große Rennen von Belleville", so riesigen Erfolg es in Frankreich auch an der Kinokasse hatte, ist eben überhaupt kein Mainstreamfilm, sondern die sehr persönliche Fantasie des Regisseurs Sylvain Chomet, der gern schöne bunte Folklorefassaden hinstellt und dahinter dann immer wieder heimtückisch Abgründe öffnet. Dieser Film, aber das wirklich nur nebenbei, ist auch ein toller Fall für die Psychoanalyse!

Ende der neunziger Jahre wurde Chomet mit dem 23-minütigen, makaber-grotesken Zeichentrickfilm "Das Fest der Tauben" bekannt. Und wie dieser kurze Vorgänger bringt auch sein erster Langfilm den Zuschauer nicht so sehr zum Mitfühlen, dafür aber immer wieder zum Staunen. Diese persönliche Fantasie aber hat natürlich auch ihre Vorbilder, und das sind vor allem französische. Wenn etwa ein Zimmerfahrrad ein Grammofon antreibt oder Champion beim Essen so an eine Waage angeschlossen ist, dass der übrigebliebene Brei sofort dem Hund Bruno zufällt, dann erinnert diese Lust an virtuoser Mechanik an einen Film wie "Delicatessen", und wenn einem auffällt, dass hier auch einiges an die fast stummfilmhafte Komik eines Jacques Tati erinnert, dann schauen sich die Triplettes im Fernsehen auch schon dessen Klassiker "Schützenfest" an, die Geschichte mit dem rasenden Fahrradpostboten, und sie giggeln sich eins.

Am Ende, als Champion befreit wird und er nun mit dem Fahrrad ein Gefährt mit Madame Souza, den Triplettes und Bruno durch die Straßen eines brillant gezeichneten und animierten Belleville schiebt, am Ende dieser großen Verfolgungsjagd, in welcher die Entführer ihrem entkommenen Opfer und seiner kuriosen Helfertruppe mit verlängerten Citroën-Limousinen nachjagen, da hisst Sylvain Chomet dann triumphal die Trikolore. Drei Bösewichte werden da in den Himmel geschossen und verglühen in den Farben Blau, Weiß und Rot. Und dann hat dieser wunderbar durchswingte Trickfilm sein Feuerwerk abgebrannt und verlässt nun die Stadt Belleville. "Vielen Dank für Ihren Besuch", steht am Ortsschild. Da lässt sich nur hinzufügen: Gern geschehen!
 
Mehr StZ Filmkritiken

Alle Artikel anzeigen
Anzeigen

Was möchten Sie unternehmen?
Wann möchten Sie etwas unternehmen?
vorheriger Monat
Monat
kommender Monat
Heute Morgen Akt. Woche
MODIMIDOFRSASO
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
Highlights am 11.02.
Premiere: Die Kunst zu Leben - Kinder- und Jugendhaus Zuffenhausen Haus 11
Premiere: Der Froschkönig - FITZ - Zentrum für Figurentheater
Derbe Kerbe - Schräglage
Aktuelle Videos


Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
StZ ePaper
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten

Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Trailer oder Video auf filmstarts.de
 
nach oben