Das Urteil
Zwölf beeinflusste Menschen
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 29.04.2004
Filmbeschreibung
Recht und Gesetz, glauben die Amerikaner, dürfen nicht ganz und gar in die Hände der Juristen fallen. Sie müssen angebunden bleiben an die Lebenswirklichkeit der Menschen, und die Wägung der Beweise und Indizien darf nicht allein Augen überlassen bleiben, die beim Studium trockener Paragrafen Betriebsblindheit entwickelt haben. Darum kennen die USA das Geschworenensystem, die zufällige Berufung von Menschen aus dem Volk zu Hütern des Rechts.
Die John-Grisham-Verfilmung "Das Urteil" von Gary Fleder nimmt sich dieser schönen Einrichtung der Rechtspflege an, mit dem Vorsatz, uns dauerhaft zu verunsichern. Sie zeigt nämlich, wie sich Geld und Technologie einsetzen lassen, um Grundvereinbarungen einer Gesellschaft ad absurdum zu führen. Es geht in "Runaway Jury", so der Originaltitel, um einen milliardenschweren Musterprozess, und dass aus der Klage gegen die Tabakindustrie des Romans nun eine Klage gegen die Wafffenindustrie geworden ist, der von einer Hinterbliebenen Mitverantwortung am tödlichen Amoklauf eines Frustrierten zugewiesen wird, das zeigt, dass es nicht um spezifische Bösewichte geht. Sondern um eine notwendige Entartung des Systems, um eine neue strukturelle Perversion des Rechts.
Ein großer Prozess ist für die Betroffenen zu wichtig, als dass die Auswahl der Geschworenen dem Zufall überlassen bleiben dürfte. Folglich wird eine Kontrollinstanz des US-Rechts in ihr Gegenteil verkehrt. Die Geschworenenauswahl, bei der Anklage und Verteidigung die ausgelosten Kandidaten befragen und einzelne Juryanwärter ablehnen dürfen, soll gewährleisten, dass Vorurteile und Befangenheit draußen bleiben. Doch es gibt mittlerweile Psychologen, die bei der Juryauswahl beraten: Sie helfen ihren Klienten, möglichst viel positive Voreingenommenheit auf der Geschworenenbank zu platzieren. In "Das Urteil" spielt Gene Hackman den aggressiven Doyen dieser Zunft. In einer der besten Sequenzen des Films werden das Hauptquartier der von ihm beratenen Verteidigung und des von Dustin Hoffman gespielten Opferanwalts nebeneinander gestellt. Der Opferanwalt, ein Bürgerrechtler alter Schule, hat ein paar Fotos und Daten einiger Kandidaten an eine Wand gepinnt. Die Verteidigung hat ein Datenzentrum eingerichtet, in dem die Fäden einer gigantischen Ausspähungsaktion zusammenlaufen, in dem ein ganzes Heer von Ermittlern eine Vielzahl von Mosaiksteinchen zum kompletten Psychoporträt aller Kandidaten anliefert. Wissen ist Macht, aber meist ist es so teuer, dass es sich nicht jeder kaufen kann.
Um die Idee der unterwanderten Jury auf die Spitze zu treiben, platziert "Das Urteil" noch einen freien Korruptionsunternehmer in der Jury, einen Psychotrickser (John Cusack), der einen neuen Markt entdeckt zu haben scheint: Er bietet Verteidigung und Klägern an, ihnen gegen Geld die Jury in die Hand zu spielen, und liefert Kostproben seiner Manipulationskunst. Dabei kann Fleder lange unsere Zweifel an aberwitzigen Geschehnissen im Zaum halten, dank dynamischer Inszenierung, suggestiver Bilder und der Leistungen von Cusack und Hackman. Allmählich aber weicht "Das Urteil" von seinen pessimistischen Erkenntnissen zurück, beginnt das Unbehagen am System an einzelnen Personen festzumachen und zeigt unbegründetes Vertrauen in die Seite des Guten. Auch wenn deren Personifizierung im Opferanwalt weder Drehbuch noch Hoffman bis dahin viel Aufmerksamkeit geschenkt haben.
"Das Urteil" erinnert in vielem an die düsteren Thriller der Watergate-Ära, an skeptische amerikanische Selbstbefragungen wie "The Parallax View - Zeuge einer Verschwörung". Damals aber hatte Hollywood den Mumm, am Ende die Aufklärer unter die Räder kommen zu lassen. Heute muss es versöhnlich ausgehen - auch wenn der Film beim Versuch, um diese jähe scharfe Kurve zu kommen, auf den letzten Metern mit Karacho im Graben landet.
Die John-Grisham-Verfilmung "Das Urteil" von Gary Fleder nimmt sich dieser schönen Einrichtung der Rechtspflege an, mit dem Vorsatz, uns dauerhaft zu verunsichern. Sie zeigt nämlich, wie sich Geld und Technologie einsetzen lassen, um Grundvereinbarungen einer Gesellschaft ad absurdum zu führen. Es geht in "Runaway Jury", so der Originaltitel, um einen milliardenschweren Musterprozess, und dass aus der Klage gegen die Tabakindustrie des Romans nun eine Klage gegen die Wafffenindustrie geworden ist, der von einer Hinterbliebenen Mitverantwortung am tödlichen Amoklauf eines Frustrierten zugewiesen wird, das zeigt, dass es nicht um spezifische Bösewichte geht. Sondern um eine notwendige Entartung des Systems, um eine neue strukturelle Perversion des Rechts.
Ein großer Prozess ist für die Betroffenen zu wichtig, als dass die Auswahl der Geschworenen dem Zufall überlassen bleiben dürfte. Folglich wird eine Kontrollinstanz des US-Rechts in ihr Gegenteil verkehrt. Die Geschworenenauswahl, bei der Anklage und Verteidigung die ausgelosten Kandidaten befragen und einzelne Juryanwärter ablehnen dürfen, soll gewährleisten, dass Vorurteile und Befangenheit draußen bleiben. Doch es gibt mittlerweile Psychologen, die bei der Juryauswahl beraten: Sie helfen ihren Klienten, möglichst viel positive Voreingenommenheit auf der Geschworenenbank zu platzieren. In "Das Urteil" spielt Gene Hackman den aggressiven Doyen dieser Zunft. In einer der besten Sequenzen des Films werden das Hauptquartier der von ihm beratenen Verteidigung und des von Dustin Hoffman gespielten Opferanwalts nebeneinander gestellt. Der Opferanwalt, ein Bürgerrechtler alter Schule, hat ein paar Fotos und Daten einiger Kandidaten an eine Wand gepinnt. Die Verteidigung hat ein Datenzentrum eingerichtet, in dem die Fäden einer gigantischen Ausspähungsaktion zusammenlaufen, in dem ein ganzes Heer von Ermittlern eine Vielzahl von Mosaiksteinchen zum kompletten Psychoporträt aller Kandidaten anliefert. Wissen ist Macht, aber meist ist es so teuer, dass es sich nicht jeder kaufen kann.
Um die Idee der unterwanderten Jury auf die Spitze zu treiben, platziert "Das Urteil" noch einen freien Korruptionsunternehmer in der Jury, einen Psychotrickser (John Cusack), der einen neuen Markt entdeckt zu haben scheint: Er bietet Verteidigung und Klägern an, ihnen gegen Geld die Jury in die Hand zu spielen, und liefert Kostproben seiner Manipulationskunst. Dabei kann Fleder lange unsere Zweifel an aberwitzigen Geschehnissen im Zaum halten, dank dynamischer Inszenierung, suggestiver Bilder und der Leistungen von Cusack und Hackman. Allmählich aber weicht "Das Urteil" von seinen pessimistischen Erkenntnissen zurück, beginnt das Unbehagen am System an einzelnen Personen festzumachen und zeigt unbegründetes Vertrauen in die Seite des Guten. Auch wenn deren Personifizierung im Opferanwalt weder Drehbuch noch Hoffman bis dahin viel Aufmerksamkeit geschenkt haben.
"Das Urteil" erinnert in vielem an die düsteren Thriller der Watergate-Ära, an skeptische amerikanische Selbstbefragungen wie "The Parallax View - Zeuge einer Verschwörung". Damals aber hatte Hollywood den Mumm, am Ende die Aufklärer unter die Räder kommen zu lassen. Heute muss es versöhnlich ausgehen - auch wenn der Film beim Versuch, um diese jähe scharfe Kurve zu kommen, auf den letzten Metern mit Karacho im Graben landet.
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