Die Mitte
Im Osten nichts Neues
Thomas Basgier, veröffentlicht am 27.05.2004
Filmbeschreibung
Purnuskes ist ein Nest in Litauen, und hier spielt sich folgende Szene ab: Vor einer kärglichen Kate erzählt ein Bauer zunächst von seinem Vater, dass der die gesamten Ersparnisse versoffen und sich anschließend aufgehängt habe. Überhaupt sei Erhängen in der Gegend relativ gängig; der Onkel habe im Alter von 84 Jahren ebenfalls diese Art des Abgangs gewählt und der Mann einer Kusine auch. Dann präsentiert das Bäuerlein dem Filmteam seinen größten Stolz - den eigenen Fernseher. Wenn man den ans Fenster stelle und an der Antenne drehe, könne man sogar einen russischen Sender empfangen. Doch alles Antennengefummel hilft nichts. Der Apparat lässt sich die meiste Zeit nur Rauschen, Sprachfetzen und ein paar Musikfragmente entlocken.
Dem armen Schlucker ist dieser Fehlschlag sichtlich peinlich, doch die Kamera behält ihn im Visier, viel zu lange, und weidet sich noch ein bisschen am Unwohlsein des Gegenüber. Wie schon in "Absolut Warhola", jener obskuren Erforschung der slowenischen Wurzeln des Andy Warhol, so kommt dem aus Polen stammenden Regisseur Stanislaw Mucha auch in dem Film "Die Mitte" bei seinem Drang, das Skurrile auf die Spitze zu treiben, öfters mal das notwendige Fein- und Fingerspitzengefühl abhanden. Wie bereits im Vorgängerfilm, so wird uns auch hier ein Osteuropa vor Augen geführt, dessen Bevölkerung hauptsächlich aus Trinkern, Lebensmüden, Hungernden und Frierenden, aus irgendwie verkrachten Existenzen besteht. Aber was heißt schon Osteuropa? Muchas Suche gilt dem geografischen Mittelpunkt des Kontinents.
Fündig wird er in Purnuskes, doch das litauische Kaff stellt nur eine Mitte unter vielen dar. Folglich ist der Film in erster Linie das Dokument einer Reise, ohne eine Reisedokumentation zu sein, weil er nicht den Weg bebildert, sondern Station an Station reiht. Die Reise beginnt in Deutschland, in Hessen, wo ein echter deutscher Spießer seinen mit Zwergen übersäten Vorgarten zum Zentrum Europas erklärt hat, jedoch auf die Frage, wie denn die Grenzen Europas verliefen, keine Antwort weiß.
Weiter geht’s in den Teutoburger Wald. Die Kamerafrau Susanne Schüle kurbelt wenig aufschlussreiche Einstellungen von einer Schar Esoterikjünger herunter. Dann ab ins österreichische Braunau am Inn. Drei Japaner fotografieren Adolf Hitlers Geburtshaus und werden von Mucha angeherrscht: "Was machen Sie hier eigentlich?" Die Verbalattacke ist offensichtlich rhetorisch gemeint, eine tatsächliche Auskunft erwartet der Regisseur nämlich nicht. Erst mit Eintritt in den slawischen Sprachraum drosselt sich das hektische Anfangstempo des Films. In der Slowakei klebt einer Plakate, auf denen zu lesen steht: "In die Europäische Union, aber nicht mit nackten Ärschen." Und als er fertig ist mit Kleben, sinniert er darüber nach, welchem Geschlecht die abgebildeten vier Hinterteile wohl zuzuordnen seien.
Und dann findet "Die Mitte" plötzlich zur Ruhe. In der Ukraine. Selbst dort hat ein Dorf den geografischen Mittelpunkt Europas für sich gepachtet. In Rachiv quartiert sich der Regisseur in den Kiosk der alten Raja ein. Abgelichtet wird ihre Kundschaft, die immer noch einem Kuriositätenkabinett entsprungen zu sein scheint, aber diesmal einem authentischen.
Ein Zeitungskäufer sagt: "Morgen feiern wir den Unabhängigkeitstag. Ich werde saufen bis zum Kotzen. Wozu taugt mein Körper sonst." Und dann singt er: "Oh, Susanna, was ist das Leben schön - leider nicht hier." Nein, Erhellendes zur Problematik der EU-Erweiterung liefert dieser Film nur äußerst partiell, doch er zeigt immerhin, dass sich vor allem jene eine Mitte wünschen, die am Rande von Europa leben.
Dem armen Schlucker ist dieser Fehlschlag sichtlich peinlich, doch die Kamera behält ihn im Visier, viel zu lange, und weidet sich noch ein bisschen am Unwohlsein des Gegenüber. Wie schon in "Absolut Warhola", jener obskuren Erforschung der slowenischen Wurzeln des Andy Warhol, so kommt dem aus Polen stammenden Regisseur Stanislaw Mucha auch in dem Film "Die Mitte" bei seinem Drang, das Skurrile auf die Spitze zu treiben, öfters mal das notwendige Fein- und Fingerspitzengefühl abhanden. Wie bereits im Vorgängerfilm, so wird uns auch hier ein Osteuropa vor Augen geführt, dessen Bevölkerung hauptsächlich aus Trinkern, Lebensmüden, Hungernden und Frierenden, aus irgendwie verkrachten Existenzen besteht. Aber was heißt schon Osteuropa? Muchas Suche gilt dem geografischen Mittelpunkt des Kontinents.
Fündig wird er in Purnuskes, doch das litauische Kaff stellt nur eine Mitte unter vielen dar. Folglich ist der Film in erster Linie das Dokument einer Reise, ohne eine Reisedokumentation zu sein, weil er nicht den Weg bebildert, sondern Station an Station reiht. Die Reise beginnt in Deutschland, in Hessen, wo ein echter deutscher Spießer seinen mit Zwergen übersäten Vorgarten zum Zentrum Europas erklärt hat, jedoch auf die Frage, wie denn die Grenzen Europas verliefen, keine Antwort weiß.
Weiter geht’s in den Teutoburger Wald. Die Kamerafrau Susanne Schüle kurbelt wenig aufschlussreiche Einstellungen von einer Schar Esoterikjünger herunter. Dann ab ins österreichische Braunau am Inn. Drei Japaner fotografieren Adolf Hitlers Geburtshaus und werden von Mucha angeherrscht: "Was machen Sie hier eigentlich?" Die Verbalattacke ist offensichtlich rhetorisch gemeint, eine tatsächliche Auskunft erwartet der Regisseur nämlich nicht. Erst mit Eintritt in den slawischen Sprachraum drosselt sich das hektische Anfangstempo des Films. In der Slowakei klebt einer Plakate, auf denen zu lesen steht: "In die Europäische Union, aber nicht mit nackten Ärschen." Und als er fertig ist mit Kleben, sinniert er darüber nach, welchem Geschlecht die abgebildeten vier Hinterteile wohl zuzuordnen seien.
Und dann findet "Die Mitte" plötzlich zur Ruhe. In der Ukraine. Selbst dort hat ein Dorf den geografischen Mittelpunkt Europas für sich gepachtet. In Rachiv quartiert sich der Regisseur in den Kiosk der alten Raja ein. Abgelichtet wird ihre Kundschaft, die immer noch einem Kuriositätenkabinett entsprungen zu sein scheint, aber diesmal einem authentischen.
Ein Zeitungskäufer sagt: "Morgen feiern wir den Unabhängigkeitstag. Ich werde saufen bis zum Kotzen. Wozu taugt mein Körper sonst." Und dann singt er: "Oh, Susanna, was ist das Leben schön - leider nicht hier." Nein, Erhellendes zur Problematik der EU-Erweiterung liefert dieser Film nur äußerst partiell, doch er zeigt immerhin, dass sich vor allem jene eine Mitte wünschen, die am Rande von Europa leben.
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