Spielwütige

Im Quartett zur Sau gemacht

Ruprecht Skasa-Weiß, veröffentlicht am 03.06.2004
Filmbeschreibung
Der Titel fesselt, irritiert, aber er trifft’s. Die Spielwütigen können nicht anders: sie setzen sich selber aufs Spiel. Immer aufs Neue, in seltsamem Furor, beinahe süchtig wüten sie gegen ihr kränkbares Ich. Lassen sich belehren, maßregeln, beugen, schier brechen - nur um gegen alle, die an ihnen zweifeln, endlich zu gewinnen. Ihr Sieg ist ihre Unterwerfung. Sie fügen sich den Geboten der Rollen, die sie hochmögend sich selbst zugedacht haben oder die ihnen ein Anweiser urplötzlich zudenkt. Und sie gehorsamen, kuschen, parieren ihren Dresseuren, diesen wechselnden Riegen der Zuchtmeister, Ausbilder, Lehrer. Sie dulden, um triumphieren zu lernen.

Ihre Energie ist ihre Wut. Die wirkt zerstörerisch - einesteils, sofern man die (private) Person im Blick behält; andernteils wirkt sie erfrischend produktiv, geht’s um das Resultat, die theatralische Wirkung. Junge Leute, die sich ernstlich für den Beruf der Schauspielerei interessieren, woran erkennt man die also? An nichts gewisser als daran, dass sie aus dem, was Spiel sei, Ernst machen.

Die behutsamen Talente des Filmregisseurs Andres Veiel sind bekannt. Und doch, gerade drum: auch Veiel ist ein Wüterich. Spätestens seit seiner Langzeit-Umschau im Kreis einstiger Klassenkameraden ("Die Überlebenden", 1996), politisch erregender seit seiner konfrontativ geschnittenen Doppelbefragung, hie fokussiert auf Alfred Herrhausen, hie auf den RAF-Terroristen Wolfgang Grams ("Black Box BRD", 2001), hat Veiels Ruhm als Dokumentarfilmer sich herumgesprochen von Berlin bis München und Can- nes. Aber das Mirakel diesmal, bei den "Spielwütigen", beginnt nicht erst mit dem Film; es beginnt lang vor dem ersten Drehtag.

Veiel wollte Schauspiel-Eleven beobachten - wie sie sind, bevor sie werden (oder nicht), was sie als ihren Traumberuf ersehnen. Zu diesem Zweck nahm er Kontakt mit der Berliner Hochschule für Schauspielkunst auf (HfS), die, von Reinhardt 1905 gegründet, noch zu DDR-Zeiten als histrionische Kaderschmiede in Ansehen stand und seitdem gewissermaßen unvermindert als Topadresse gilt für alle Schauspielschüler der Republik, von 1981 an unterm Namen "Ernst Busch". Jahr für Jahr melden sich dort fast tausend Bewerber, Jahr für Jahr werden sie in "Eignungstests" gesiebt, bis zweihundert übrig bleiben - wofür? Für die Aufnahmeprüfung.

Andres Veiel seinerseits "prüfte" auch - und zog ein Fünftel der Truppe in die engere Wahl für sein Projekt. Von allen Bewerbern bestanden zuletzt nur neun die Aufnahmeprüfung; Veiels Selektion war aber nochmals rigider: er legte sich fest auf vier - ohne zu wissen, ob die zuletzt auch zu den Absolventen der Schule gehörten. Doch was der Produzent Klaus Volkenborn an seinem Regisseur so sehr rühmt, nämlich die "positive Besessenheit" - exakt das zeichnet auch das Quartett der Spielwütigen aus. Der Filmmann und seine Erwählten, sie wurden einander wert.

Natürlich war der Regisseur in dieser geschlossenen Busch-Gesellschaft zunächst ein Fremder. Natürlich trat er als "Eindringling" auf, als filmende Konkurrenz-Autorität, und manche Dozenten sahen in ihm sofort einen Störer des Unterrichts. Die Spannungen, die sich hieraus ergaben, durchknistern den Film kaum merklich, die Schule selbst war nicht Veiels Thema. Ihm ging’s um anderes: darum, wie vier hoffnungsvolle (allerdings ungleich begabte, ungleich besaitete) Personen die Ausbildungsgänge erleben und sich selbst mitten darin; wie sie zurechtkommen mit der Faszination und dem Frust, den Wechselbädern von Erfolg und Misserfolg.

Sieben Jahre hat Veiel gedreht, von der Recherche 1996 bis zum Studienabschluss und zum ersten Engagement 2003. Sieben Jahre - eine immense Spanne Zeit im Leben junger Leute, die noch lernen müssen, wie das ist, wenn Leidenschaft, Naivität und ungebremste Zuversicht erste Dämpfer bekommen; wenn einem das Himmelhochjauchzen schon deshalb vergeht, weil man auch nimmermehr zu Tod betrübt sein darf.

Kein Leichtes, sich so preiszugeben, doppelt - hie vor dem Anstaltspersonal, dort vor dem Regisseur und seinen wechselnden Kameramännern. Tatsächlich hat Veiel mit sieben Kameraleuten gedreht, und dass sein Do- kumentarfilm trotzdem homogen und atemraubend lebendig geriet, ja so spannend erzählfroh, wie es sonst nur Spielfilme sind, das eben bestimmt den Rang von Veiels inszenatorischer Arbeit. Beim Münchner Dokumentarfilmfest hat er dafür soeben einen Preis bekommen, gewiss nicht den letzten.

Zurück zum schweren Beginn. Gibt’s etwas Peinvolleres, als sich zusehen zu lassen, wie man geschurigelt, belobigt, verunsichert und mit schroffer Kritik gedemütigt wird? Die Entwürdigungsprozedur! Manche Dozenten glauben an ihre machtbewussten Besserwisserspielchen, als versetzten sie den Probanden einen Initiationsschock, unabdinglich für die Persönlichkeitsbildung. Viele Prinzipien dieser Eliteschule, in der Tat, stammen aus dem frühen vorigen Jahrhundert.

Schon auf eine Bühne sich zu begeben, um dort Fechtschritte, Küsse, Deklamationen zu üben oder Rücklings-zu-Boden-Fallen oder zärtliches Schmachten, erfordert nicht wenig Befähigung zum Exhibitionismus. Aber sich filmen zu lassen, wie man stolpert und stümpert, wie das sarkastische Urteil der Lehrerjury einen zutiefst verletzt - das dringt tief in die private Sphäre des Schauspielers ein. Da geht’s allemal auch um die Würde.

Und Veiel verschärfte die Situation, indem er dem Quartett eine weitere "Mutprobe" abtrotzte: Jeder von ihnen sollte den eigenen Eltern was vorspielen, traut, aber oberpeinlich. Denn welcher Vater ist schon begeistert, wenn sein erwachsener Sohn hinterm Sofa den großen Revolver-Rebellen markiert oder als irrer Travis Bickle auftrumpft?

Alldem zum Trotz: Veiels Film wirkt in keiner Sekunde voyeuristisch. War der Regisseur für seine Schützlinge anfangs Mentor, Anwalt, Trainer, so lernten die sich später doch "emanzipieren". Mit den Casting-Shows im Fernsehen, deren Superstar-Sucher die Malize der elitären Busch-Professoren rüpelfrech übertreffen, haben "Die Spielwütigen" nichts zu schaffen - derlei "Durchlauferhitzer-Shows" verachtet Veiel. Seine Langzeitdokumentation war umfassend genug angelegt, gut 250 Stunden Rohmaterial zu versammeln - allein der Schnitt hat sieben Monate gedauert, ein Geduldsspiel und eine Bravourtat.

In der Psychotherapie kennt man die Supervision, Veiels Zusehen wirkte wohl ähnlich. Was die Akteure bei ihm offen legen - ein Psychodrama ist ein Dreck dagegen. Und wofür das Ganze? "Es ist unangenehm, wenn man nicht weiß, was das Ergebnis des eigenen Handelns sein wird", sagt Prodromos, der stämmige Grieche mit seinen zerschellten Hollywood-Idealen, und seine Angst, sich in Veiels Film als Loser verewigt zu sehen, lässt sich begreifen. Aber auch dieser Absolvent - neben Constanze, Karina und Stephanie der Mann im Quartett, dazu einer, der aufsässig ist und sich höhnisch zur Wehr setzt gegen den sarkastischen Einschüchterungs- und Begönnerungston des Lehrpersonals - auch er findet sein Gleichgewicht wieder, grinsend.

"I’m already bored - ich bin jetzt schon gelangweilt", sagt die Agentin in New York, als sein Bewerbungsvideo gerade drei Sekunden gelaufen ist. Aber dem abfuhrgewohnten Prodromos, der das sichere Engagement am Stadttheater Sankt Gallen ("Wo liegt Sankt Gallen?") ausschlug zu Gunsten einer ungewissen Filmkarriere in den USA, sind solche Sprüche schnurz. Nicht lang, da bringt er die Agenturdamen zum Lachen. Und wenn sie ihm neckisch andeuten, Schauspieler brauche man in New York eigentlich keine, jedenfalls keine deutschen, was man brauchen könne, sei ein Russe, dann zeigt er ihnen eben seine Trainingsjoppe, made in der Sowjetunion. Anpassungsfähig musst du sein: die erste Lehre aller Schauspielschulen, die wichtigste. Bloß das Ernst-Busch-Lehrpersonal lernt solche Anpassung wohl nimmermehr.
 
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