Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Kino


Reconstruction

Es tut ja gar nicht weh!

Rupert Koppold, veröffentlicht am 09.06.2004
Filmbeschreibung
"Alles ist Film, alles ist konstruiert - und dennoch tut es weh!", so spricht und verspricht der Erzähler mit sonorer Stimme. Dann redet er noch ein bisschen auf der Metaebene rum, sagt etwa zu Bildern von einem Mann, "Ein Mann ...", nimmt das wieder zurück und sagt "Nein ..." und irgendwann sagt er dann doch "Lassen Sie uns am Anfang beginnen". Wobei wir aber nicht mehr so genau wissen, was eigentlich der Anfang sein soll. Die Szene, in welcher der Fotograf Alex (Nikolaj Lie Kaas) in einer Hotelbar die schöne Aimee (Maria Bonnevie) anspricht und mit ihr gleich nach oben aufs Zimmer will? Oder die, in welcher er sich in der U-Bahn abrupt von seiner Freundin Simone (ebenfalls Maria Bonnevie) löst, um Aimee hinterherzusteigen?

Der junge dänische Regisseur Christoffer Boe, der als Vorbilder Carax, Perec, Godard, Queneau, Bergman, Lartigue und Tarkowski nennt, spielt in seinem Debüt mit Möglichkeitsformen und Träumen, er hebt die Chronologie auf, er deutet auch an, die Erlebnisse des verliebten Alex könnten bloß eine Geschichte sein, an der Aimees Mann, der Schriftsteller August (Krister Henriksson), gerade schreibt. Boe bewegt sein Personal durch künstlich griesige Edel-Video-Look-Bilder, lässt es in Edel-Groß- und Detailaufnahmen in Edel-Bars, Edel-Restaurants oder Edel-Hotels rauchen, trinken, seitenspringen und Sätze aufsagen, die von Edel-Problemen handeln: "Ich weiß nicht, wer du bist"; "Was macht dich glücklich?"; "Wenn du mein Traum bist, dann bin ich deiner". Haben wir schon gesagt, dass es hier auch um edle Geheimnisse geht, um edle Allegorien und edle Mythologien?

Irgendwann aber fragen wir uns, was der Film eigentlich verkaufen will. Edle Zigaretten? Edle Feuerzeuge? Edle Kleider? Edle Spirituosen? Edle Kosmetik? Aber er macht wohl doch nur Werbung in eigener Sache und preist sich an als schwebend leichtes und dennoch gedankenvolles Edelwerk. "Alles ist Film, alles ist konstruiert - und dennoch tut es weh!", so spricht - auf dass sich alles runde - der Erzähler am Ende noch einmal. Wir aber spüren keinen Schmerz, der Film hat ja gar nicht gebohrt, er ist nur an glatten Oberflächen entlanggeglitscht. Ein bisschen Wut allerdings spüren wir. Ja, wir wünschten uns, dass in diesen selbstgefällig-prätentiösen Edelschmarren wenigstens ein bisschen Realität einbrechen würde - etwa in Gestalt eines Penners, der in Sätze wie "Alle suchen nach Liebe wie kleine Kinder" mal laut hineinrülpsen würde.
 
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