Feel like going home
Long John und die Axt im Walde
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 01.07.2004
Filmbeschreibung
Long John, singen die schwarzen Sträflinge, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Wälder im Süden der USA roden, Long John sei schon lange fort. Ein rhythmisches Hervorstoßen der Silben ist das, ein Inganghalten des Körpers, ein Versuch, die schwere und erzwungene Arbeit in etwas wenigstens teilweise Selbstbestimmtes umzuformen, in einen brutalen Tanz, in ein schinderisches Musizieren, bei dem die Axt, die im schweren Takt ins Holz der Stämme kracht, das Instrument abgibt.
Diese Arbeitsgesänge, eine der Wurzeln des Blues, enthalten also zweierlei: einerseits eine enge Bindung an das Hier und Jetzt, die komplette Einbettung von Musik in die soziale Wirklichkeit, andererseits aber einen Fluchttraum, den beständigen Gedanken, man werde demnächst anderswo ein anderes Leben führen. In den Mündern der schwarzen Arbeiter wurde der "turkey through the corn", der Truthahn im Maisfeld, zum Symbol für den Entflohenen, der sich vorm Suchtrupp versteckt, und wenn einer sang, Lawyer Green und Lawyer Bushes würden bald seine Haft beenden, dann war mit dem Wirken dieser Anwaltskanzlei Grün & Hecke nichts als die Hoffnung gemeint, sich bei der Arbeit in die Büsche schlagen und im Wald die Bluthunde abhängen zu können. Bedrückende Realität und luftige Utopie gehen hier ineinander. Aus diesem hilfreichen Irrsinn bezieht auch der Blues seine Kraft.
1934 haben die weißen Musikforscher John und Alan Lomax im Auftrag der amerikanischen Kongressbibliothek den Arbeitsgesang vom "Long John" auf der Darrington State Prison Farm in Texas aufgenommen. Das war Teil eines umfangreichen Projekts zur Dokumentierung einer schwindenden amerikanischen Landkultur, deren Träger in die Städte zogen, in der Hoffnung auf bessere Jobs und menschenwürdigere Behandlung. Martin Scorsese hat die Aufnahme von "Long John" und die Bilder schuftender Männer an den Anfang von "Feel like going home" gestellt, der von ihm selbst inszenierten Folge jener siebenteiligen US-TV-Serie über den Blues, die er als Produzent betreut hat. Scorsese zeigt also Sinn für Herkunft und soziale Verwurzelung des Blues, und der erste Eindruck täuscht uns nicht. Scorsese kennt die Musik, ihre Heroen und ihre Geschichte, und er bringt uns die frucht- und furchtbare Hochzeit dieser Musik im Mississippi zwischen den Weltkriegen nahe, ohne didaktisch zu werden. Er hält sich mit eigenen Eindrücken sogar merklich zurück: Er begleitet den jungen schwarzen Musiker Corey Harris, Jahrgang 1969, einen der interessantesten Neugestalter archaischen afroamerikanischen Musikerbes, auf einer Reise durch den Süden.
Scorseses Film ist nicht nur um vieles besser als die schludrige Notizsammlung "The Road to Memphis" von Richard Pearce, sie ist auch behutsamer und uneitler als "The Soul of a Man" von Wim Wenders. Wenn Scorsese Charley Patton vorstellt, einen der legendären Gründerväter des Blues, von dem uns außer der Musik kaum Lebensdokumente überliefert sind, dann versucht er nicht, die Lücke durch Fiktion aufzufüllen. Er schneidet Wochenschaubilder eines heftigen Mississippi-Hochwasser zu Pattons "High Water everywhere" von 1929.
Dann zoomt er langsam an das einzige, ikonenhaft gewordene Foto Pattons heran, während er es zugleich mit einem schwarzen Rahmen immer stärker beschneidet. Er führt uns also vor Augen, dass es große Lücken in unserem Wissen um die Bluesmänner gibt, dass sie sich entfernen, wenn wir versuchen, ihnen näher zu kommen.
Scorsese beweist allerdings ein sicheres Gespür, welche Form der Annäherung erlaubt ist. Er montiert souverän historische Bilder des Südens mit eigenen Aufnahmen von heute, und er schneidet einmal klug Corey Harris’ Interpretation des "Catfish Blues" mit einer Aufnahme des Bluesmusikers Muddy Waters aus dem Jahr 1942 aneinander, aufgenommen im tiefen Süden und im ländlichen Stil.
Das überblendet er nahtlos in eine Aufnahme von Waters aus den Sechzigern, als sich die Landmusik zum elektrischen Chicago-Blues gemausert hat. So zeigt Scorsese Traditionslinien, eine Beständigkeit im Wandel, und wagt, nachdem er diesen Gedanken etabliert hat, einen großen Schritt zurück. Er reist mit Harris nach Afrika und besucht Musiker wie Ali Farka Toure und Salif Keita, um deren Meinungen zum Blues, der afrikanischen Musik in der Diaspora, einzuholen. Liebe und Unterdrückung, Lust und Leiden, sagt Keita, seien die Bestandteile des Blues. Nicht nur die Lust macht ihn wohl nach wie vor zu einer Weltmusik.
Diese Arbeitsgesänge, eine der Wurzeln des Blues, enthalten also zweierlei: einerseits eine enge Bindung an das Hier und Jetzt, die komplette Einbettung von Musik in die soziale Wirklichkeit, andererseits aber einen Fluchttraum, den beständigen Gedanken, man werde demnächst anderswo ein anderes Leben führen. In den Mündern der schwarzen Arbeiter wurde der "turkey through the corn", der Truthahn im Maisfeld, zum Symbol für den Entflohenen, der sich vorm Suchtrupp versteckt, und wenn einer sang, Lawyer Green und Lawyer Bushes würden bald seine Haft beenden, dann war mit dem Wirken dieser Anwaltskanzlei Grün & Hecke nichts als die Hoffnung gemeint, sich bei der Arbeit in die Büsche schlagen und im Wald die Bluthunde abhängen zu können. Bedrückende Realität und luftige Utopie gehen hier ineinander. Aus diesem hilfreichen Irrsinn bezieht auch der Blues seine Kraft.
1934 haben die weißen Musikforscher John und Alan Lomax im Auftrag der amerikanischen Kongressbibliothek den Arbeitsgesang vom "Long John" auf der Darrington State Prison Farm in Texas aufgenommen. Das war Teil eines umfangreichen Projekts zur Dokumentierung einer schwindenden amerikanischen Landkultur, deren Träger in die Städte zogen, in der Hoffnung auf bessere Jobs und menschenwürdigere Behandlung. Martin Scorsese hat die Aufnahme von "Long John" und die Bilder schuftender Männer an den Anfang von "Feel like going home" gestellt, der von ihm selbst inszenierten Folge jener siebenteiligen US-TV-Serie über den Blues, die er als Produzent betreut hat. Scorsese zeigt also Sinn für Herkunft und soziale Verwurzelung des Blues, und der erste Eindruck täuscht uns nicht. Scorsese kennt die Musik, ihre Heroen und ihre Geschichte, und er bringt uns die frucht- und furchtbare Hochzeit dieser Musik im Mississippi zwischen den Weltkriegen nahe, ohne didaktisch zu werden. Er hält sich mit eigenen Eindrücken sogar merklich zurück: Er begleitet den jungen schwarzen Musiker Corey Harris, Jahrgang 1969, einen der interessantesten Neugestalter archaischen afroamerikanischen Musikerbes, auf einer Reise durch den Süden.
Scorseses Film ist nicht nur um vieles besser als die schludrige Notizsammlung "The Road to Memphis" von Richard Pearce, sie ist auch behutsamer und uneitler als "The Soul of a Man" von Wim Wenders. Wenn Scorsese Charley Patton vorstellt, einen der legendären Gründerväter des Blues, von dem uns außer der Musik kaum Lebensdokumente überliefert sind, dann versucht er nicht, die Lücke durch Fiktion aufzufüllen. Er schneidet Wochenschaubilder eines heftigen Mississippi-Hochwasser zu Pattons "High Water everywhere" von 1929.
Dann zoomt er langsam an das einzige, ikonenhaft gewordene Foto Pattons heran, während er es zugleich mit einem schwarzen Rahmen immer stärker beschneidet. Er führt uns also vor Augen, dass es große Lücken in unserem Wissen um die Bluesmänner gibt, dass sie sich entfernen, wenn wir versuchen, ihnen näher zu kommen.
Scorsese beweist allerdings ein sicheres Gespür, welche Form der Annäherung erlaubt ist. Er montiert souverän historische Bilder des Südens mit eigenen Aufnahmen von heute, und er schneidet einmal klug Corey Harris’ Interpretation des "Catfish Blues" mit einer Aufnahme des Bluesmusikers Muddy Waters aus dem Jahr 1942 aneinander, aufgenommen im tiefen Süden und im ländlichen Stil.
Das überblendet er nahtlos in eine Aufnahme von Waters aus den Sechzigern, als sich die Landmusik zum elektrischen Chicago-Blues gemausert hat. So zeigt Scorsese Traditionslinien, eine Beständigkeit im Wandel, und wagt, nachdem er diesen Gedanken etabliert hat, einen großen Schritt zurück. Er reist mit Harris nach Afrika und besucht Musiker wie Ali Farka Toure und Salif Keita, um deren Meinungen zum Blues, der afrikanischen Musik in der Diaspora, einzuholen. Liebe und Unterdrückung, Lust und Leiden, sagt Keita, seien die Bestandteile des Blues. Nicht nur die Lust macht ihn wohl nach wie vor zu einer Weltmusik.
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