Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Kino


Girls Club

Mädchen aus Plastik

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 26.08.2004
Filmbeschreibung
Mit ein klein wenig Geduld hätte doch noch etwas werden können aus Rumpelstilzchen: ein erfolgreicher Autor von Lebenshilfebüchern. So hat sich der Wicht selbst entzweigerissen, bevor ihm die enormen Marktchancen eines Buches über den Wert der Verstellung aufgingen. Um im sozialen Bewährungskampf gegen die anderen zu bestehen, dürfen sie keinesfalls wissen, wer und wie wir wirklich sind, hätte Rumpelstilzchen gepredigt. Aber wir wollen den ungeschriebenen Büchern des Tobsuchtsgnoms nicht lange nachweinen: Wir haben ja den Film "Girls Club" von Mark S. Waters ("Freaky Friday").

Mit dem erstaunlich bösen Blick, den US-Teeniefilme auf das soziale Treiben an der Penne werfen, zeigt auch diese Komödie die Schule als Brutstätte von Dünkel und Menschenverachtung, als soziales Schlachtfeld, auf dem die Unterrichtsstunden bloß als kleine Gemetzelpausen zum Wundenlecken dienen. Die North Shore Highschool in einem der besseren Vororte Chicagos wird hier von den Plastic Girls tyrannisiert, einer Clique von Barbiepuppen-Imitaten mit den sozialen Instinkten schwieliger Mafiosi. Für sie gibt es nur Wölfe und Schafe, Gewinner, denen alles erlaubt ist, und Verlierer, die keine Schonung verdient haben.

Nur kommt dieser skrupellose Darwinismus im rosa Zuckerguss daher, und noch wird nur entschieden, wer in der Mitte des Schulflurs läuft wie ein Mähdrescher durchs Gras und wer sich scheu und ängstlich an die Seite drückt, um nicht in die rotierenden Klingen von Spott und Häme zu geraten. Noch geht es nicht darum, wer Millionen an Steuererleichterungen verbucht und wer aus der Mülltonne frisst.

An diese Sozialkampfschule kommt die von Lindsay Lohan gemimte Cady als geborenes Opfer - und wer Lohans selbstbewusstes, aber verletzliches Spiel sieht, dem wird klar, warum die 1986 Geborene derzeit bei Umfragen unter jungen Kinogängern in USA als beliebtester Teeniestar abschneidet. Cady kennt nicht einmal die Codes und Moden, die Werte und Marotten der Plastic Girls, geschweige denn, dass sie ihnen nacheifern würde. Denn Cady hat bisher mit ihren Eltern in Afrika gelebt und ist zu Hause unterrichtet worden. Sie landet in der streng hierarchischen Schulwelt rasch in der untersten Gruppe der Totalversager. Doch Cady will zurückschlagen, will die von den Plastic Girls verletzten Unangepassten rächen und die tonangebende Dünkelclique unterwandern.

So macht sie bei ihnen mit, um Informationen zu sammeln, um einen Angriff vorzubereiten. Sie lässt ihre neuen Freundinnen aber nicht wissen, wer sie wirklich ist. Diese Komödie arbeitet dabei viel schlauer, als es Rumpelstilzchens Ratgeber getan hätte. "Girls Club" zeigt, wie schnell Masken festwachsen, wie rasch und unmerklich Verstellung zur Haltung aushärtet. Cady wird ein Biest und mit jeder gespielten Gemeinheit ein wenig kälter und gemeiner.

Das Problem von "Girls Club" ist die Überzeugungskraft seiner polemischen und pessimistischen Bestandsaufnahme des jungen Klassendenkens, die Zugkraft des Sumpfs aus Fiesheit und Elitedenken, in den Cady unvorsichtig tritt. Nach einem dynamischen und witzigen Film wirkt die Reinigung und Rettung der guten Seelen wie eine sehr schlecht sitzende Karnevalsnase auf der Schnauze eines frei laufenden Nashorns. Irgendwie sitzt der rote Knubbel nicht richtig, und irgendwie überzeugt er uns nicht davon, dass das schnaubende Monstrum eigentlich ein netter Kerl sei.

"Girls Club" ist moderner Teenieklamauk mit Anspruch: Er zeigt eine Weile schonungslos das aasige Leben und klebt dann einen falschen Trost an, damit ahnungslosen Eltern, falls später mal versehentlich die DVD in deren Griffweite herumliegen sollte, nicht das Herz stehen bleibt.
 
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