Die fetten Jahre sind vorbei
Revolte gegen den Wohlstand
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 25.11.2004
Filmbeschreibung
"Macht kaputt, was euch kaputtmacht!" Dieser alte Schlachtruf der Stadtindianer, Häuserkämpfer und bundesrepublikanische Umsturzprober ist für Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg), zwei der Hauptfiguren von Hans Weingartners neuem Film "Die fetten Jahre sind vorbei", kein kurioser Fund aus alten Nachrichtenschnipseln. Es ist der Ausdruck ihres aktuellen Lebensgefühls, das gültige Reaktionsmuster auf einen inneren Überdruck, der aus der Absurdität der lokalen und globalen Wohlstandsverteilung entsteht. Weingartner ("Das weiße Rauschen"), Jahrgang 1970, erzählt von einem Gären. Er gibt es nicht als gesamtgesellschaftliches Phänomen aus, aber auch nicht als isolierte Spinnerei zweier Sonderlinge. Er lässt offen, wie verbreitet und ansprechend die Wut und Gerechtigkeitssehnsucht seiner Helden sind, besser gesagt: Er erprobt es, indem er von seinen Figuren erzählt und es dem Publikum überlässt, einen Standpunkt zu finden.
"Macht kaputt, was euch kaputtmacht!" Diese Parole ist für die noch nicht in die Karrieremühle eingebundenen Außenseiter Jan und Peter kein Vorwand, blindem Destruktionstrieb die Zügel schießen zu lassen. Die beiden Revoluzzer treiben ein raffinierteres Spiel. Sie kundschaften edle Wohnanlagen aus, und wenn sie sicher sind, dass die Bewohner über Nacht abwesend sind, dann steigen sie ein und beginnen einen Wettlauf gegen die Alarmanlage. Dann setzen sie ihre Kräfte gegen den Elektronik gewordenen Willen der Hausherren, Privilegien zu schützen. Ist die Anlage abgeschaltet, beginnt ein Zeremoniell der Verstörung.
Die Einbrecher bringen die Habseligkeiten ihrer unfreiwilligen Gastgeber durcheinander, sie häufen Kunst, Nippes, Designermöbel und Edeltechnik zu sinnbildlichen Güterbergen. Bevor sie gehen, hinterlassen sie mahnende kleine Zettel, die an die Signatur von Aktionskunst erinnern, "Sie haben zu viel Geld" oder eben "Die fetten Jahre sind vorbei", nebst der spöttischen und hochmütigen Unterschrift "Die Erziehungsberechtigten".
Man kann in dieser Gewaltfreiheit der Aktionen ein Zeichen maßvoller Klugheit sehen. Jan und Peter haben genau erfasst, was sie eigentlich treffen wollen: nicht die Güter selbst, auch noch nicht Leib und Leben der Wohlhabenden, sondern deren für junge Feuerköpfe unerträglich obszönes Gefühl von persönlicher Unantastbarkeit mitten in einer an Ungerechtigkeit erstickenden Welt. Die Vernichtung dieses Sicherheitsgefühls, die Schändung der Rückzugszelle Wohnraum ist zu Anfang noch ein Versuch, aufzurütteln, also im weitesten Sinn ein Versuch der Kommunikation mit den Geschädigten selbst.
Doch man kann an diesen Aktionen, deren Abenteuerreiz Weingartners Kamera und Schnitt durchaus auskosten, auch etwas bedrohlich Abstraktes sehen. Im Verzicht auf Zerstörung und Bereicherung liegt jenes des Keuschen und Fanatischen verborgen, das die schlimmsten Jakobiner auszeichnet. Jene Menschen, die - wenn Wort und Belehrung nichts fruchten wollen - für ihre gute Sache, die jedermanns gute Sache sein soll, die Guillotine in Aktion setzen. Dass Peter beginnt, gegen die strengen Regeln zu verstoßen, dass er schon mal eine teure Uhr mitgehen lässt, damit die Subversion die Subversiven auch ernährt, das kann man als Brodeln krimineller Energie sehen, die Idealismus und Wirkkraft der Aktionen bedroht. Man kann es auch als pragmatisches Gegengewicht zur fanatischen Seite von Jan sehen.
Dass Weingartner seine Figuren sympathisch findet, ihre Aktionen witzig, uns aber beständig sehr gegensätzliche Interpretationen ihres Wesens und Treibens ermöglicht, darin liegt die Stärke dieses Films, der heuer als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb von Cannes lief. Als eine Frau zu dem Duo stößt, geraten die Dinge außer Kontrolle. Jule (Julia Jentsch) bringt anfangs scheinbar die Macht der Gefühle ins Spiel, das Politische und Rationale scheint in den Hintergrund zu treten. Aber als die Drei bei einem Einbruch vom Hausherrn Hardenberg (Burghart Klaußner) ertappt werden und ihn deshalb auf eine Berghütte verschleppen, um sich in Ruhe klar zu werden, was sie mit dem Zeugen anstellen sollen, der sie identifizieren kann, mengt sich das Private dann brisant mit dem Politischen.
Privat und eigennützig ist das Interesse, nicht ertappt zu werden. Die Verführung ist groß, den Mord an einem Zeugen als politische Entwicklung zu kaschieren: nachdem der Einbruch als Versuch der Kommunikation nicht funktioniert hat, könnte nun ein Mord zu einem Zeichen erklärt werden, das die träge gewordene Gesellschaft nicht wieder überlesen kann.
Weingartner hat eine Überraschung für seine Nachwuchsterroristen parat. Der Entführte entpuppt sich als Altachtundsechziger, als linker Aktivist, der in die Fänge des Pragmatismus geraten ist. Zwischen ihm und seinen Entführern entspinnt sich eine Debatte über Moral und Maß, persönliche und gesellschaftliche Veränderung, die dadurch spannend bleibt, dass wir sie als Psychokrieg erleben. Jeder Satz führt entweder hin zu oder weg von jenen Bildern der RAF-Opfer, die ins gesellschaftliche Bewusstsein der BRD eingebrannt sind.
Hier allerdings stößt Weingartner auch an die Grenzen seiner Methode, die Figuren zweideutig, aber dabei stets sympathisch zu halten. "Die fetten Jahre sind vorbei" langt nämlich an einem Punkt an, wo seine Figuren sehr viel weiter gehen oder taumeln könnten, als wir ihnen noch komplizenhaft oder amüsiert folgen könnten.
Gegen Ende merkt man dieser Auflehnungsbeobachtung an, dass sie nicht weiterweiß und nicht weiterwill: wenn ihre Revoluzzer den Kopf mit einer wunderlichen Drehung aus der Schlinge ziehen, dann wirkt ihre ganze Wut wie eine überwundene spätpubertäre Narretei. Wenn sie zu Mördern werden, dann könnte ihre ganze Herausforderung an die Gesellschaft nur wie der Amoklauf Verblendeter dastehen. Aber diese Unsicherheit am Ende resultiert eben daraus, dass Hans Weingartner ein großes Thema hat und die Verpflichtung spürt, ein großes Publikum dafür zu interessieren. Solche Probleme kennen dumme Filme natürlich nicht.
"Macht kaputt, was euch kaputtmacht!" Diese Parole ist für die noch nicht in die Karrieremühle eingebundenen Außenseiter Jan und Peter kein Vorwand, blindem Destruktionstrieb die Zügel schießen zu lassen. Die beiden Revoluzzer treiben ein raffinierteres Spiel. Sie kundschaften edle Wohnanlagen aus, und wenn sie sicher sind, dass die Bewohner über Nacht abwesend sind, dann steigen sie ein und beginnen einen Wettlauf gegen die Alarmanlage. Dann setzen sie ihre Kräfte gegen den Elektronik gewordenen Willen der Hausherren, Privilegien zu schützen. Ist die Anlage abgeschaltet, beginnt ein Zeremoniell der Verstörung.
Die Einbrecher bringen die Habseligkeiten ihrer unfreiwilligen Gastgeber durcheinander, sie häufen Kunst, Nippes, Designermöbel und Edeltechnik zu sinnbildlichen Güterbergen. Bevor sie gehen, hinterlassen sie mahnende kleine Zettel, die an die Signatur von Aktionskunst erinnern, "Sie haben zu viel Geld" oder eben "Die fetten Jahre sind vorbei", nebst der spöttischen und hochmütigen Unterschrift "Die Erziehungsberechtigten".
Man kann in dieser Gewaltfreiheit der Aktionen ein Zeichen maßvoller Klugheit sehen. Jan und Peter haben genau erfasst, was sie eigentlich treffen wollen: nicht die Güter selbst, auch noch nicht Leib und Leben der Wohlhabenden, sondern deren für junge Feuerköpfe unerträglich obszönes Gefühl von persönlicher Unantastbarkeit mitten in einer an Ungerechtigkeit erstickenden Welt. Die Vernichtung dieses Sicherheitsgefühls, die Schändung der Rückzugszelle Wohnraum ist zu Anfang noch ein Versuch, aufzurütteln, also im weitesten Sinn ein Versuch der Kommunikation mit den Geschädigten selbst.
Doch man kann an diesen Aktionen, deren Abenteuerreiz Weingartners Kamera und Schnitt durchaus auskosten, auch etwas bedrohlich Abstraktes sehen. Im Verzicht auf Zerstörung und Bereicherung liegt jenes des Keuschen und Fanatischen verborgen, das die schlimmsten Jakobiner auszeichnet. Jene Menschen, die - wenn Wort und Belehrung nichts fruchten wollen - für ihre gute Sache, die jedermanns gute Sache sein soll, die Guillotine in Aktion setzen. Dass Peter beginnt, gegen die strengen Regeln zu verstoßen, dass er schon mal eine teure Uhr mitgehen lässt, damit die Subversion die Subversiven auch ernährt, das kann man als Brodeln krimineller Energie sehen, die Idealismus und Wirkkraft der Aktionen bedroht. Man kann es auch als pragmatisches Gegengewicht zur fanatischen Seite von Jan sehen.
Dass Weingartner seine Figuren sympathisch findet, ihre Aktionen witzig, uns aber beständig sehr gegensätzliche Interpretationen ihres Wesens und Treibens ermöglicht, darin liegt die Stärke dieses Films, der heuer als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb von Cannes lief. Als eine Frau zu dem Duo stößt, geraten die Dinge außer Kontrolle. Jule (Julia Jentsch) bringt anfangs scheinbar die Macht der Gefühle ins Spiel, das Politische und Rationale scheint in den Hintergrund zu treten. Aber als die Drei bei einem Einbruch vom Hausherrn Hardenberg (Burghart Klaußner) ertappt werden und ihn deshalb auf eine Berghütte verschleppen, um sich in Ruhe klar zu werden, was sie mit dem Zeugen anstellen sollen, der sie identifizieren kann, mengt sich das Private dann brisant mit dem Politischen.
Privat und eigennützig ist das Interesse, nicht ertappt zu werden. Die Verführung ist groß, den Mord an einem Zeugen als politische Entwicklung zu kaschieren: nachdem der Einbruch als Versuch der Kommunikation nicht funktioniert hat, könnte nun ein Mord zu einem Zeichen erklärt werden, das die träge gewordene Gesellschaft nicht wieder überlesen kann.
Weingartner hat eine Überraschung für seine Nachwuchsterroristen parat. Der Entführte entpuppt sich als Altachtundsechziger, als linker Aktivist, der in die Fänge des Pragmatismus geraten ist. Zwischen ihm und seinen Entführern entspinnt sich eine Debatte über Moral und Maß, persönliche und gesellschaftliche Veränderung, die dadurch spannend bleibt, dass wir sie als Psychokrieg erleben. Jeder Satz führt entweder hin zu oder weg von jenen Bildern der RAF-Opfer, die ins gesellschaftliche Bewusstsein der BRD eingebrannt sind.
Hier allerdings stößt Weingartner auch an die Grenzen seiner Methode, die Figuren zweideutig, aber dabei stets sympathisch zu halten. "Die fetten Jahre sind vorbei" langt nämlich an einem Punkt an, wo seine Figuren sehr viel weiter gehen oder taumeln könnten, als wir ihnen noch komplizenhaft oder amüsiert folgen könnten.
Gegen Ende merkt man dieser Auflehnungsbeobachtung an, dass sie nicht weiterweiß und nicht weiterwill: wenn ihre Revoluzzer den Kopf mit einer wunderlichen Drehung aus der Schlinge ziehen, dann wirkt ihre ganze Wut wie eine überwundene spätpubertäre Narretei. Wenn sie zu Mördern werden, dann könnte ihre ganze Herausforderung an die Gesellschaft nur wie der Amoklauf Verblendeter dastehen. Aber diese Unsicherheit am Ende resultiert eben daraus, dass Hans Weingartner ein großes Thema hat und die Verpflichtung spürt, ein großes Publikum dafür zu interessieren. Solche Probleme kennen dumme Filme natürlich nicht.
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