Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Kino


9 Songs

Musik ist hier leider nicht Trumpf

ukr, veröffentlicht am 20.01.2005
Filmbeschreibung
Moment, war da nicht mal was? Sex & Drugs & Rock "n" Roll als provokantes gegenkulturelles Glücksversprechen im Geiste der Revolte? Leben auf der Überholspur? Die Hoffnung, zu sterben, bevor man alt wird? Der britische Regisseur Michael Winterbottom ("Welcome to Sarajevo", "In this World"), ohnehin beseelt von fassbinderscher Arbeitswut, mag sich an all diese Mythen erinnert haben - und vielleicht auch noch an die gute alte Utopie vom bürgerschreckenden Kunstporno. Jedenfalls strebt er mit "9 Songs" nach den ultimativen Ingredienzien der Rebellion. Doch schon der Satz, dass "9 Songs" von der Liebesgeschichte zwischen dem Klimaforscher Matt und der Studentin Lisa erzählt, die einen gemeinsamen Londoner Sommer verbringen und gern die Konzerte der derzeit angesagtesten Bands besuchen - er zeigt, dass Winterbottom sein Ziel verfehlt.

Richtig ist: wir sehen Matt und Lisa beim Sex zu, Sex im Liegen, Stehen und Sitzen, von oben und unten, von hinten und vorne, allein und zu zweit, in Nahaufnahmen und im Gegenlicht. Manchmal sagt Lisa: "Fick mich! Jetzt!", dazu erklingt Klaviermusik - dann wird "9 Songs" unerträglich. Zwischendurch schnupft das Paar Kokain und geht zu Konzerten. Es spielen all die Bands, von denen uns zuletzt erzählt wurde, sie seien wichtig: Franz Ferdinand, Black Rebel Motorcycle Club oder Super Furry Animals. Keine der Bands hat live einen Song zu bieten, der es wert wäre, in fünf Jahren erinnert zu werden. Hier ist "9 Songs" einfach nur bodenlos langweilig. "Whatever happened to my Rock "n" Roll?" fragt sich Black Rebel Motorcycle Club ratlos, und "9 Songs" reicht die Frage an die Zuschauer weiter - nicht ohne hinzuzufügen: Sex wird aber auch ziemlich überschätzt. Bedenkt man, dass "9 Songs" das Abfallprodukt einer nicht realisierten Verfilmung von Michel Houellebecqs Roman "Plattform" ist, dann sind wohl auch für notorische Provokateure die fetten Jahre vorbei.
 


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