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9. Juli 1985

"Zum Wohl, Glykol"

dpa, veröffentlicht am 06.07.2005
Foto: dpa

Wien - Am 9. Juli 1985 platzte in Bonn die Bombe: An diesem Tag veröffentlichte das Bundesgesundheitsministerium eine offizielle Warnung vor österreichischen Weinen, die mit dem Frostschutzmittel Glykol gepanscht waren, um sie "lieblicher" zu machen. Zunächst sind es nur ein paar Rotweine aus dem Burgenland, die laut Ministerium durch den zum Teil beträchtlichen Zusatz der süß schmeckenden Substanz Diethylenglykol eine Gefahr für die Gesundheit darstellten. Doch dann werden es immer mehr.

Die amtliche Veröffentlichung hat Folgen. Innerhalb weniger Wochen werden in Deutschland und anderen europäischen Ländern praktisch alle österreichische Weine aus den Regalen genommen. Der Import von bis zu fünf Millionen Flaschen Wein aus dem Nachbarland wird über Nacht storniert. Auch in den USA sind von sofort an die Weine "Made in Austria" verpönt. Österreichs Weinexporte stürzen in den Keller. Innerhalb von zwei Jahren werden sie von rund 450.000 Hektolitern auf rund 44.000 sinken. Doch dann schwappt der Skandal auch nach Deutschland über. Vor allem der Pfälzer Weinhändler und CDU-Politiker Elmar Pieroth kommt in Verruf, Billigweine gepanscht zu haben.

In der Alpenrepublik löst die Nachricht von den Machenschaften im Juli 1985 Schockwellen aus, obwohl dort schon seit Monaten Gerüchte von der gefährlichen Panscherei allzu gieriger Winzer die Runde machen. Bereits im April hatte das chemische Untersuchungsamt der Stadt Trier die Nachbarn auf das Vorkommen von Glykol in einigen "Spätlesen" aufmerksam gemacht. Die Behörden ordneten daraufhin sofortige Haussuchungen bei Winzern und Händlern an.

Wenige Tage nach der offiziellen Warnung durch das deutsche Ministerium schlagen die Wiener Behörden zu: Innerhalb weniger Wochen werden ein Dutzend Winzer und Weinhändler festgenommen. Sechs Wochen nach dem Auffliegen der kriminellen Praktiken verabschiedet das Parlament in Wien am 29. August eines der schärfsten Weingesetze der Welt, und bereits Mitte Oktober wird der erste österreichische Winzer wegen Betrugs zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Auch in Deutschland schlägt der Glykol-Skandal inzwischen immer höhere Wellen. Tests bringen ans Licht, dass Dutzende von Weinen mit der süß schmeckenden Alkoholverbindung versetzt wurden, die Übelkeit, Durchfall und Krämpfe hervorrufen und in hohen Dosen tödlich wirken kann. 75 Weine kommen auf die Schwarze Liste. Meist sind es "milde" Spätlesen aus dem Billigsegment, in denen Glykol gefunden wird.

Im Mittelpunkt des deutschen Skandals steht der Pfälzer CDU-Politiker und Weinhändler Elmar Pieroth, damals Wirtschaftssenator in Berlin. Die Erklärung der deutschen Großabfüller, da sei wohl noch etwas von verpanschten österreichischen Weinen in den Abfüllanlagen oder in Tanks gewesen, die man mit deutschen Weinen aufgefüllt habe, erweist sich schnell als falsch. Die billigen Austria-Importe sind als Süßreserve mit den deutschen Weinen gezielt verschnitten worden. Doch erst im April 1996 verurteilte das Landgericht Koblenz sechs ehemalige führende Mitarbeiter des Pieroth-Konzerns zu einer Geldbuße von einer Million Mark.

Der Glykol-Skandal hat in Österreich und in Deutschland zunächst katastrophale Folgen für die Weinindustrie. In beiden Ländern kommt es zum rapiden Absatzrückgang. Selbst Gummibärchen eines bekannten Herstellers geraten in Verdacht, mit der Chemikalie versetzt worden zu sein. Glykol wird in Deutschland zum "Wort des Jahres 1985". In Österreich komponiert der steirische Barde Volker Schöbitz die spöttische Polka "Zum Wohl, Glykol".

Doch am Ende hatte der Skandal in beiden Ländern ein "Happy End". Verschärfte Gesetze und ein deutlich gehobenes Qualitätsbewusstsein beim Konsumenten haben seither vor allem im kleinen Weinland Österreich zur vollständigen Erneuerung der Weinindustrie führte. Österreichische Weine nehmen inzwischen weltweit einen Spitzenplatz ein, der Export boomt.
 
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