L. A. Crash
Bürgerkrieg in kleinen Scheiben
Thomas Klingenmaier , veröffentlicht am 04.08.2005
Filmbeschreibung
Nimm ein paar Leute, gib ihnen ein Problem und schenk ihnen am Ende eine Lösung - das ist ein einfaches Rezept für einen Hollywoodfilm. In "L. A. Crash" von Paul Haggis kracht es gleich am Anfang, aber dieser Verkehrsunfall ist nicht das Problem. Er steht in seiner Austauschbarkeit und in seiner täglichen Wiederholung an vielen Orten der Stadt für strukturelle Krisen, weshalb Haggis, bisher vor allem als Drehbuchautor tätig, auch eine ganze Reihe von Menschen porträtiert: Er inszeniert einen Reigen in der Tradition von Robert Altmans "Short Cuts".
Doch die komplexe Erzählweise ist nicht der hauptsächliche Grund für den Mut dieses Films. "L. A. Crash" fasst nämlich ein ganz heißes Eisen an: die Rassenproblematik, mithin die Frage, ob die USA noch ein Schmelztiegel oder schon eine Kampfarena sind. Der Film zeigt Weiße und Latinos, Schwarze und Koreaner, Inder und Perser. Er präsentiert Menschen, die glauben, ihre ethnischen Wurzeln hinter sich zu haben, und andere, die ihre Umwelt grob nach Hautfarbe einteilen.
Und egal, zu welchen Reibereien es hier kommt, die Ethnie spielt immer eine Rolle. Als ein Perser eine Waffe kaufen möchte und der weiße Ladenbesitzer ungeduldig wird, herrscht er den vermeintlichen Araber an, er solle den Dschihad doch bitte auf eigene Kappe vorbereiten. Der verdatterte und verletzte persische Händler, der seinen Laden mit einem Revolver schützen möchte, hält das für stupide. Dem schwarzen Handwerker aber, der ihm ein Schloss reparieren soll, misstraut er vom Fleck weg. Er versteht ihn nicht richtig, weil sein Englisch nicht ausreicht, aber er ist überzeugt, dieser Typ wolle ihn übers Ohr hauen. Dem Schlosser indes geht es bei vornehmen Weißen nicht besser. Die sind überzeugt, der Typ mit den Tätowierungen werde Kopien ihrer Schlüssel noch am gleichen Abend an die nächstbeste Gang verkaufen. Die Frau des Hauses fordert ihren Mann auf, umgehend eine andere Firma zu beauftragen. Die frisch eingebauten Schlösser sollen sofort wieder ausgetauscht werden.
"L. A. Crash" erzählt also aus einer Gesellschaft, in der die Kommunikation über die vielen Binnengrenzen hinweg weit gehend zusammengebrochen ist, ebenso die Wahrnehmung der anderen. Es gibt stereotype Reaktionsmuster, und die basieren fast alle auf Angst und Verdächtigung. Weil die Figuren aber begreifen, dass sie das einerseits nicht wirklich schützt, dass es sie andererseits aber enorm einengt, siedet in ihnen nun auch noch eine große Wut, die ein Ventil sucht und Opfer finden wird.
Doch Paul Haggis hat hier keinen wohlfeil tadelnden Film vorgelegt, der Angst und Hysterie als Phantomschmerz der Kontaktscheuen zeigt. Er ist couragiert genug, das reale Fundament dieser Angst zu zeigen, die Kriminalität und Gewalttätigkeit, die Amerikas Bürger zu Burgbewohnern macht. "L. A. Crash" zeigt uns beispielsweise zwei junge Schwarze, die sich darüber empören, dass ein weißes Pärchen, das ihnen begegnet, denken könnte, sie seien Straßenräuber. Der zornige Dialog der beiden klingt anfangs wie die Klage der zu Unrecht Geschmähten. Aber dann zücken sie wirklich eine Waffe, und wir merken, dass sie sich nur in Rage geredet haben, um besser tun zu können, was sie sich nicht unterstellen lassen möchten.
So geht es in "L. A. Crash" also auch um eine besondere Form der Verlogenheit. Darum, dass man das, was einem pauschal unterstellt wird, von nun an auch tun darf, ohne noch besonders darauf angesprochen zu werden. Man ist ja ein Opfer, das in Notwehr handelt. Und wer weiß, wie empfindlich prominente Afroamerikaner wie Jesse Jackson auf Kritik an der Verrohung der schwarzen Stadtjugend reagieren, auch auf Kritik aus der black community selbst, der weiß, wie sehr Paul Haggis mit ein paar simplen Szenen gegen die allgegenwärtige politische Korrektheit verstößt.
Dass Haggis auch andere Erfahrungen Schwarzer zeigt, hat nichts mit flauer Ausgewogenheit zu tun. Dass wir Zeuge einer erniedrigenden, völlig entgleisenden Kontrolle eines schwarzen Pärchens durch zwei weiße Cops werden, ist Teil von Haggis' Versuch, die schmerzliche Wahrheit einer zerrissenen Stadt einzufangen. Besonders brutal und brisant werden die Begegnungen in diesem Los Angeles immer dann, wenn die Angehörigen verschiedener Ethnien auch noch unterschiedlichen Einkommensschichten angehören. Die Cops sind Jungs aus der Arbeiterklasse, das schwarze Pärchen fährt einen teuren Geländewagen, ist prima angezogen, bestens aufgelegt und vorerst noch mit der ironischen Selbstsicherheit der Leute aus der Medienbranche gerüstet. Was dann passiert, ist ein Stück verdruckster Klassenkampf, ein von vergorenem Neid und von Ohnmachtserfahrungen gespeister Übergriff.
Paul Haggis erzählt in "L. A. Crash" von einer Gesellschaft, in der bereits täglich ein atomisierter Bürgerkrieg stattfindet, Begegnung um Begegnung. Hollywoodmäßig optimistisch ist hier nur, dass L. A. nicht in Rasenunruhen explodiert.
Doch die komplexe Erzählweise ist nicht der hauptsächliche Grund für den Mut dieses Films. "L. A. Crash" fasst nämlich ein ganz heißes Eisen an: die Rassenproblematik, mithin die Frage, ob die USA noch ein Schmelztiegel oder schon eine Kampfarena sind. Der Film zeigt Weiße und Latinos, Schwarze und Koreaner, Inder und Perser. Er präsentiert Menschen, die glauben, ihre ethnischen Wurzeln hinter sich zu haben, und andere, die ihre Umwelt grob nach Hautfarbe einteilen.
Und egal, zu welchen Reibereien es hier kommt, die Ethnie spielt immer eine Rolle. Als ein Perser eine Waffe kaufen möchte und der weiße Ladenbesitzer ungeduldig wird, herrscht er den vermeintlichen Araber an, er solle den Dschihad doch bitte auf eigene Kappe vorbereiten. Der verdatterte und verletzte persische Händler, der seinen Laden mit einem Revolver schützen möchte, hält das für stupide. Dem schwarzen Handwerker aber, der ihm ein Schloss reparieren soll, misstraut er vom Fleck weg. Er versteht ihn nicht richtig, weil sein Englisch nicht ausreicht, aber er ist überzeugt, dieser Typ wolle ihn übers Ohr hauen. Dem Schlosser indes geht es bei vornehmen Weißen nicht besser. Die sind überzeugt, der Typ mit den Tätowierungen werde Kopien ihrer Schlüssel noch am gleichen Abend an die nächstbeste Gang verkaufen. Die Frau des Hauses fordert ihren Mann auf, umgehend eine andere Firma zu beauftragen. Die frisch eingebauten Schlösser sollen sofort wieder ausgetauscht werden.
"L. A. Crash" erzählt also aus einer Gesellschaft, in der die Kommunikation über die vielen Binnengrenzen hinweg weit gehend zusammengebrochen ist, ebenso die Wahrnehmung der anderen. Es gibt stereotype Reaktionsmuster, und die basieren fast alle auf Angst und Verdächtigung. Weil die Figuren aber begreifen, dass sie das einerseits nicht wirklich schützt, dass es sie andererseits aber enorm einengt, siedet in ihnen nun auch noch eine große Wut, die ein Ventil sucht und Opfer finden wird.
Doch Paul Haggis hat hier keinen wohlfeil tadelnden Film vorgelegt, der Angst und Hysterie als Phantomschmerz der Kontaktscheuen zeigt. Er ist couragiert genug, das reale Fundament dieser Angst zu zeigen, die Kriminalität und Gewalttätigkeit, die Amerikas Bürger zu Burgbewohnern macht. "L. A. Crash" zeigt uns beispielsweise zwei junge Schwarze, die sich darüber empören, dass ein weißes Pärchen, das ihnen begegnet, denken könnte, sie seien Straßenräuber. Der zornige Dialog der beiden klingt anfangs wie die Klage der zu Unrecht Geschmähten. Aber dann zücken sie wirklich eine Waffe, und wir merken, dass sie sich nur in Rage geredet haben, um besser tun zu können, was sie sich nicht unterstellen lassen möchten.
So geht es in "L. A. Crash" also auch um eine besondere Form der Verlogenheit. Darum, dass man das, was einem pauschal unterstellt wird, von nun an auch tun darf, ohne noch besonders darauf angesprochen zu werden. Man ist ja ein Opfer, das in Notwehr handelt. Und wer weiß, wie empfindlich prominente Afroamerikaner wie Jesse Jackson auf Kritik an der Verrohung der schwarzen Stadtjugend reagieren, auch auf Kritik aus der black community selbst, der weiß, wie sehr Paul Haggis mit ein paar simplen Szenen gegen die allgegenwärtige politische Korrektheit verstößt.
Dass Haggis auch andere Erfahrungen Schwarzer zeigt, hat nichts mit flauer Ausgewogenheit zu tun. Dass wir Zeuge einer erniedrigenden, völlig entgleisenden Kontrolle eines schwarzen Pärchens durch zwei weiße Cops werden, ist Teil von Haggis' Versuch, die schmerzliche Wahrheit einer zerrissenen Stadt einzufangen. Besonders brutal und brisant werden die Begegnungen in diesem Los Angeles immer dann, wenn die Angehörigen verschiedener Ethnien auch noch unterschiedlichen Einkommensschichten angehören. Die Cops sind Jungs aus der Arbeiterklasse, das schwarze Pärchen fährt einen teuren Geländewagen, ist prima angezogen, bestens aufgelegt und vorerst noch mit der ironischen Selbstsicherheit der Leute aus der Medienbranche gerüstet. Was dann passiert, ist ein Stück verdruckster Klassenkampf, ein von vergorenem Neid und von Ohnmachtserfahrungen gespeister Übergriff.
Paul Haggis erzählt in "L. A. Crash" von einer Gesellschaft, in der bereits täglich ein atomisierter Bürgerkrieg stattfindet, Begegnung um Begegnung. Hollywoodmäßig optimistisch ist hier nur, dass L. A. nicht in Rasenunruhen explodiert.
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